Das Jahrhundert
hundertundeine Geschichte aus einem Jahrhundert

EINE KRANKE FAMILIE

die letzte Abendmahlzeit der Familie Ritich in ihrem Vaterland verlief ruhig. Im verschlossenen Magazin aßen sie Salzhering aus zusammengewürfelten Tellern, und überall um den Tisch herum lagen Hülsen deutscher 120-Millimeter-Granaten zerstreut. Es war der Schalttag des Jahres 1920 und der Hafen von Sewastopol, von kleinen Dampfbötchen überfüllt, wurde bedrohlich von Detonationen aus der Richtung von Kap Chersones und der Balaklawischen Bucht erschüttert. Irgendwo weiter hinten, auf der Krimer Landenge, standen Wrangels Soldaten und warteten, tot wie jene von Peloponnes, immer noch auf weitere Befehle. Und unten am Meer waren die Docks übervoll. Ein höchst sonderbarer Flüchtlingszug wälzte sich auf den Hafen zu. Herrliche Karossen von je sechs Pferden gezogen, der gesamte Hausrat, Damen mit Hündchen, Offiziere auf Bauernwagen mit selbstmörderischen Mienen. Alles mögliche gab es in diesem Umzug...

Alexander Sergejewitsch Ritich war bis vor kurzem Landwirtschaftsminister gewesen, vor drei Jahren hatte er in der Hauptstadt den staatlichen Getreideabkauf verwaltet, er hatte noch auf der letzten Sitzung der vierten Duma gesprochen, und nun aß er schweigend, wobei er nur eine Spur von der der Vorkriegszeit eigenen Hypokrisie und von guten Manieren zum Ausdruck brachte. Am selben Nachmittag, während er sich auch selbst um einen Platz auf dem Schiff riß, drängte ihn die Menge auf einem der Docks und drückte ihn beinahe in das pechschwarze Wasser. Da dachte er, wie schön es wäre, diese Welt, deren Stunde schon sowieso geschlagen hatte, zu verlassen, ins eiskalte Meer zu fallen, unter den Rumpf irgendeines Schiffes gezogen zu werden, um dort in allgemeiner Stille zu ertrinken. Er versuchte, sich gefährlich vornüber zu beugen, sich der blinden Masse von Menschen, die sich gegenseitig traten und einander zuschrien, anzubieten, aber ohne Erfolg. Er fiel nicht hinein. Die Menschenmenge riß ihn im letzten Augenblick zurück und stieß ihn von sich wie einen kleinmütigen Selbstmörder. Während des Abendbrotes warf er sich vor, daß er noch lebte und seinen hinfälligen und enttäuschten, durch Krieg und Entbehrung verbrauchten Organismus, verräterisch fütterte.

Irgendwann nach Mitternacht wird er sich mit seinen Söhnen auf der “Konstantin” einschiffen, einem Schiff der russischen Dampfschiffahrts- und Handelsgesellschaft, die in Richtung Konstantinopel ausläuft. Auf türkischem Pflaster, an kleinen Springbrunnen und Serails, wird Alexander Sergejewitsch Ritich die alten Fragen stellen: “Was tun, wer ist Schuld, wohin weiter?”, und sie werden lächerlich klingen, wie ein kleines und unklares Echo. Er wird am Wasser des Bosporus spazieren gehen, wird übervorsichtig sein, so aufdringlich freundlich, und er wird niemals erfahren, daß ihn sein jüngerer Sohn, Alexej Alexandrowitsch, noch am Tisch im Magazin der Putilowoer Betriebe umzubringen gedachte. Wenn er nur geahnt hätte, daß ihn sein Sohn zu töten beabsichtigte, dann hätte er ihm, dort, an der Tafel, seinen grauen Kopf mit euthanasischem väterlichen Segen vielleicht sogar angeboten, aber er hatte es nicht gewußt. In der Zeit aß sein Sohn schweigend, brach Stücke vom Salzhering ab und dachte, wie man die verehrte zaristische Kreatur und das ehemalige Mitglied des Staatsrates, das sich sogar sonntags von seinem Redingote nicht trennte, aus Mitgefühl schon längst hätte erwürgen sollen. Zwischen den zerstreuten Hülsen deutscher Granaten dachte Alexej Alexandrowitsch daran, der Vaterschaft ein Ende zu bereiten, wie Ödipus Hand an seinen Vater zu legen, über den Tisch zu springen und ihn zu ersticken, doch ihm letzten Augenblick besann er sich. Merkwürdig, daß sich der bis vor kurzem im Dienste des Generals Denikin stehende Stabsmajor im jenem Augenblick der Worte Nikolai Fjodorows erinnerte, die er einmal, vor langer Zeit gelesen hatte. Den Geist der Brüderlichkeit, schrieb Nikolai Fjodorow, soll man nicht auf Menschen, die hier und jetzt leben, begrenzen. Die Menschheit bildet eine Einheit, und den Geist der Verbrüderung muß man auch auf die Toten – auf “unsere Väter” ausweiten. Hatte ihn Fjodorows Hingabe an die Auferweckung der Toten wirklich daran gehindert, den alten Ritich umzubringen, das wußte er jetzt nicht. Er verschluckte sich an einer Fischgräte, die in seinem Hals steckengeblieben war. Etwa drei Jahre später, im Dunkeln des halbbeleuchteten Restaurants Kasbek, irgendwo in Paris, wird Alexej Alexandrowitsch zwischen den Tischen Kasatschok tanzen und über diese Nacht nachdenken. Schon dann wird er von der Entartung des demokratischen Jahrhunderts wissen. Immer tiefer wird er im Schlamm des Pariser Lebens versinken, 25 Francs pro Tag verdienen und er wird es bereuen, daß er an jenem Schalttag des Jahres 1920 seinen Vater nicht umgebracht und sich somit für die höllische Verachtung, wenn schon nicht für das Leben, entschieden hat...

Das wird er sich in drei Jahren sagen, aber jetzt hustet er wie ein Feigling die Fischgräten aus, die ihn beihnahe erstickt und ihm die neuen Qualen in der Verbannung erspart hätten. Die Mutter klopft ihm auf den Rücken, sein älterer Bruder Nikolai Alexandrowitsch befiehlt ihn Gott. Dann ist es wieder still. Die letzte Abendmahlzeit der Familie Ritich setzt sich ruhig fort. Durch die verschlossene Holztür dringt das Stimmengewirr der Menschen ein und man hört neue drohende Explosionen in der Gegend von Sewastopol. Etwas heult fern aus dem schneereichen, wolfsähnlichem Kaukasusgebirge. Nikolai Alexandrowitsch, der ältere Sohn Alexander Sergejewitsch Ritichs, würgt große Stücke, wie jemand, der seit langer Zeit nichts mehr gegessen hat. Einst war er Mönch gewesen. Er war mit der Stille befreundet, mit verkrümmten Kerzen und dem Gebet, und heute abend hat er einfach Hunger. Wie ein kleiner Schwindler hält er verschiedenartige zerknitterte Geldscheine in seinen Taschen versteckt: Reichsrubel, Doner Rubel, Duma-Rubel. Gierig greift er nach dem merkwürdig stinkenden Salzhering und in diesem Moment ist er sich der Macht des Übels vollkomen bewußt. Solowjew hatte übrigens vorausgesehen, daß die Anhänger Christi auf eine verfolgte Minderheit zurückgehen würden, ohne die Kraft, andere zu überzeugen. Die gesamte weltliche Kraft würde so in die Hände des Antichristen übergehen. Was hat es für ihn an diesem Schalttag des Jahres 1920, da er sich im Lager der Putilowoer Betriebe an den Sewastopoler Docks versteckt, für eine Bedeutung, daß Wladimir Sergejewitsch Solowjew, vor dem Ablauf des zwanzigsten Jahrhunderts die Vereinigung aller Christen und den endgültigen Triumph auf Erden vorausgesehen hat? Nikolai Ritich ist ein Feigling und wird im nächsten Jahr in Belgrad, im russischen Krankenhaus für Flüchtlinge, verenden. Die Metastasen, die er jetzt wie einen stillen Schmerz empfindet, werden sich, bösartigen Lilien ähnlich, in seinem ganzen Gewebe verbreiten, und die Ärzte im Sanatorium des Weißen Kreuzes in Toptschider werden nicht einmal einen Versuch machen, ihn zu heilen. Hinter der weißen spanischen Wand, die sein Röcheln abtrennen wird, wird er sich auch an jenen Abend erinnern, als er den Büchsenhering genauso willenlos gegessen, wie sein Vater die Erlasse des Zaren unterzeichnet hatte. Auch ihm werden alte Fragen in den Sinn kommen, und auch er wird sie nicht beantworten können.

Die letzte Abendmahlzeit der Familie Ritich in ihrem Vaterland verlief still. Manchmal schien es nur für einen kurzen Augenblick, als wollte jemand etwas sagen, doch gleich überlegte er es sich anders. Nur die krummen Gabeln und verrosteten Löffel klapperten auf den Tellern. Man aß Salzhering aus zusammengewürfelten Tellern, und überall um den Tisch herum lagen Hülsen deutscher 120-Milimeter-Granaten zerstreut.

Für das Schaltjahr 1920.

DIE MAHLZEIT

Als im Jahre 1941 die Truppen der 12. deutschen Armee Belgrad fast schon erreicht hatten, hielt der Juwelier Karlo Ferfera das Vergrößerungsglas noch unter seiner buschigen Augenbraue. Bis zum letzten Augenblick wollte er die Niederlage der Armee, in die er seine beiden Söhne geschickt hatte, nicht wahrhaben. Außerdem war er froh, daß sie während des Bombenangriffs nicht in Belgrad gewesen waren, denn der Juwelierladen in der Garaschanin-Straße blieb zwar unberührt, nicht einmal das Schaufensterglas war gesprungen, aber das Familienhaus am Neimar war durch den direkten Treffer einer deutschen Bombe dem Erdboden gleichgemacht worden. Karlo stand immer früh auf und ging ins Geschäft, aber seine Söhne waren es gewohnt, bis mittags zu schlafen. Jetzt wären sie tot...

Aber jetzt waren sie, zum Glück, weit weg, vielleicht in der Gefangenschaft, und Ferfera saß auch weiterhin in seinem Juweliergeschäft. Er war unter den letzten, die von dem Fall der Stadt Nisch, von der schnellen Niederlage der Verteidiger von Kragujewatz, gehört hatten. Er putzte das Gold in der Auslage, täuschte sich selbst mit unklaren Hoffnungen auf die britischen Streitkräfte und träumte von einer gemeinsamen serbisch-griechisch-englischen Front in Mazedonien und Thessalien. Am Dienstag erfuhr er – ebenfalls unter den letzten – daß die deutsche Armee in Bitolj und Ochrid einmarschiert war und begriff, daß alles zu Ende war. Es wird niemals eine gemeinsame Front geben, keinen Rückzug über Albanien, noch den Durchbruch einer neuen Front von Saloniki. Schließlich entschloß er sich auch selbst zur Flucht. Armreifen und dünne Halsketten, die versetzten Ringe und die neue Kollektion von Eheringen mit Familienwappen, steckte er in einen Beutel und brach auf. Das Glöckchen an der Tür des Juweliergeschäfts klingelte und der alte Mann blieb stehen. Er überlegte in dem Augenblick nicht wie viele andere, ob er die Tür zusperren sollte oder nicht. Etwas anderes fiel ihm ein. Auf den matschigen, nicht enttrümmerten Straßen oder in den verdächtigen Zügen wartete auf ihn sicherlich jener, der ihn ausrauben würde.

Er ging deshalb wieder ins Geschäft zurück, hielt, wie einst, das Glöckchen fest, um zu verhindern, daß es klingelte, und setzte sich auf seinen alten Stuhl. Nur diesmal klemmte er nicht wieder sein Vergrößerungsglas ein. Es war Abend und Karlo Ferfera war hungrig. Er schüttete den Beutel aus und mit einer seltsamen Gewißheit, daß sein altersschwaches Leben nichts mehr bedeutete, begann er die Armbänder und die dünneren Halsketten hinunterzuschlucken. Mit zitternden Händen riß er Edel- und Halbedelsteine von den Siegelringen ab und aß sie wie einer, der seit langem nicht mehr zu Abend gegessen hat. Dann ging er hinaus, ohne die Tür hinter sich zuzumachen. Er mußte sich beeilen. Er hatte keine Zeit mehr. Er schaffte es doch noch, in den überfüllten Nachtschnellzug nach Uschitze hineinzukommen. Keiner der Reisenden glaubte, die Berge von Uschitze auch wirklich zu erreichen, noch bemerkte irgendjemand den alten Mann, der sich in der Ecke des stickigen Güterwagens zusammengerollt hatte. Kurz vor Mitternacht – nur einige Stunden bevor die deutsche motorisierte Brigade “Prinz Eugen” in die Stadt einmarschierte – erreichte der Zug doch Uschitze. Gleich auf dem Bahnsteig war dem alten Juden das Glück hold. Während er schreckliche Schmerzen erlitt und nur mit größter Mühe verhindern konnte, sich zu übergeben, stieß er gleich am Zug fast mit seinem jüngeren Sohn zusammen. Eliahu Ferferas Einheit war entlassen worden. Der Sohn war von einer Kugel in den Kopf getroffen worden, so daß sein Gehör und Sehvermögen etwas geschwächt waren. Er wunderte sich sehr, als er das unverständliche irre Gerede seines Vaters hörte, über das Gold und darüber, wie ihm gerade er, mit seinen eigenen Händen, nach dem Tode den Bauch aufschneiden müßte. Der Alte wiederholte immer wieder, daß er danach seinen Bruder finden und mit diesem Reichtum irgendwohin flüchten müsse, irgendwohin... Er dachte, der Alte wäre an Flecktyphus erkrankt und brachte ihn zum Militärkrankenhaus, das in Zelten untergebracht war, wo Karlo Ferfera bald verschied. Gleich danach hörte man das Quietschen der deutschen Panzerwagen. Der Feldwebel Eliahu Ferfera hatte noch so viel Zeit, seinen Vater in Ruhe zu begraben.
Für das Normaljahr 1941

DIE SELBSTBILDNISSE

Heute wollen wir über die Selbstbildnisse von Mladen Scharbinowitsch sprechen. Er hat davon 17 gemalt und sein ganzes Leben lang wandte er sich ihnen immer wieder zu, wie den Seiten eines Tagebuches. Schon auf dem ersten, das 1921 während seiner Schulzeit entstand, erkennen wir scharfe Konturen, klar nuancierte und umrandete Farbflächen, die dem Gesicht des Malers eine Note von strenger Zurückhaltung verleihen. Schon da irgendwo wird eine hauchfeine, kaum sichtbare Linie bemerkbar. Sie beginnt gleich unter der blonden Locke, läuft über die Stirnmitte, folgt den Fältchen der Augenränder und endet in einem sanften Einschnitt ganz unten an der Wange. Bei dem ersten Selbstbildnis scheint es, als habe die Farbe an diesen Stellen einen unbedeutenden Riß bekommen, ähnlich einem dünnen Sprung im Porzellan. Auf dem nächsten Portrait erkennt man schon die Einflüsse von Paris und einer Privatschule, wo der Maler Scharbinowitsch die Tage seiner Jugend zwischen Februar 1925 und Oktober 1926 verbrachte. Das Gesicht hat nun einen strahlenden Ausdruck und ist dem Betrachter mit einem unaufdringlichem Halbprofil zugewandt. Auf diesem Portrait gibt es keine klar umrandeten ockerfarbenen Flächen, wie auf dem vorhergehenden aus dem Jahre 1921. Das Kolorit ist nun optimistisch, Cézanne-artig, atmet die Düfte der ewigen Stadt aus; auch die Linie ist da, zum Teil hat sie ihre Bahn geändert, aber sie ist hartnäckig, ein wenig dicker, mit stärker ausgeprägten Farbübergängen ausgearbeitet...

Alle Selbstbildnisse, die zwischen den zwei Kriegen entstanden sind, zeichnen sich durch einen dicken, tuchartigen, expressionistischen Farbauftrag aus: Die Werke Selbstbildnis in Muschitzkis Weinbergen, Selbstbildnis an der alten armenischen Kirche, Selbstbildnis mit Donaureflexionen, Selbstbildnis mit der schwarzen Katze im Schoß und Selbstbildnis am Eingang in den Hof der Himmelfahrtskirche, sind die Geschichte einer Lebenslinie, die schon kompakt ist und zu warnen beginnt. Aus dieser Periode sollte man das Selbstbildnis auf dem Friedhof von Almasch besonders hervorheben. Darauf steht ein feuchtes Grabkreuz aus ausgewaschenem Holz über den Künstler geneigt. Der überraschte Betrachter wird feststellen, daß eine Hälfte von Mladen Scharbinowitschs Gesicht im Schatten, die andere im klaren Morgenlicht ist. Und die Trennlinie ist wieder diese rätselhafte, für den Maler eigentümliche Narbe, die sich über die Mitte der blassen Stirn windet und durch die Fläche der weichen Farbaufträge unter dem linken Auge nach unten versickert. Schon damals begannen viele, diese ungewöhnliche Erscheinung auf den Selbstbildnissen des Malers zu untersuchen, - dessen Gesicht in Wirklichkeit keine Narben hatte – aber die richtige Antwort auf die Frage, woher sie kam, wird man erst etwa vier Jahrzehnte später hören... Zu jener Zeit schrieb Rastko Petrowitsch von einem reinen Gesicht ohne Narben, das sich von einem Schatten gezeichnet darstellt. Auch viele andere waren an dieser ungewöhnlichen Erscheinung auf Scharbinowitschs Selbstbildnissen interessiert. Auf die Fragen, woher dieser hartnäckige Einschnitt auf seinen Selbstportraits, gab der Maler damals rätselhafte Antworten. “Ich weiß nicht genau”, pflegte er zu sagen, “ich weiß nur, daß ich ihn immer auf der gleichen Stelle male. Es ist wohl irgendwie mein Ende, der menschliche Ausgang...”

Und er malte ihn weiter. Auf den vier nächsten Selbstbildnissen, die bis zum Aprilkrieg 1941 entstanden, versteckt sich die Kopflinie des Malers Mladen Scharbinowitsch nicht mehr. Sie ähnelt einer schweren Schnittwunde, einer gefährlichen Narbe wie jene, die nach blutigen Kneipenschlägereien mit zerbrochenen Flaschen zurückbleiben. Auf dem Selbstbildnis am offenen französischen Fenster in der Mackenzie-Straße, das gerade vor Beginn des Krieges entstanden war, sieht man den Maler, in dessen Hintergrund sich Gewitterwolken jagen. Er ist den Blitzen, die niedrig über den Belgrader Dächern aufleuchten, mit dem Rücken zugewandt. Die Linie ist auch beeindrückend. Auf dem blassen und hohlwangigem Gesicht des Künstlers ist sie mit einer grellroten Farbe dargestellt, wie jene Linien aus dem Anatomieatlas, die die Arterienwege im menschlichen Gesicht bezeichnen. Diese Narbe auf der Wange des Malers Scharbinowitsch kündigt zweifellos den baldigen Krieg, die Kapitulation und den Fall an... Die ersten deutschen Soldaten auf den Straßen von Belgrad erblickte der Maler durch dasselbe französische Fenster in der Mackenzie-Straße. Zur Zeit der Besatzung malt er wenig, nicht nur deswegen, weil während die Kanonen sprechen, die Musen schweigen, sondern auch deshalb, weil er sich früh der Bewegung der Tschetniks anschließt und zwischen Stubline und Jabutschje in den Verbänden von Major Swonko Wutschkowitsch kämpft. Aus dieser Zeit ist uns nur eine Bleistiftzeichnung bekannt, die wahrscheinlich vor dem Zerfall der Kräfte von Drascha Mihailowitsch entstand. Darauf sehen wir Mladen Scharbinowitsch, der müde aussieht, aber, wie es scheint, nicht von den Kämpfen, und auch nicht von der nahenden Niederlage der vaterländischen Kräfte, sondern durch jene Linie, die ihn verfolgt und sein Gesicht zerspaltet.

Gleich nach diesem Selbstbildnis, das fast eine in Eile und Verwirrung entstandene künstlerische Skizze ist, folgt der Zusammenbruch, die Verhaftung und der Prozeß gegen Scharbinowitschs Lieblingsgeneral. Er selbst zieht sich in die Fremde zurück und man hört über den Maler in Belgrad und Nowi Sad nichts mehr. Seitdem ist viel Zeit vergangen und heute, wenn wir die Selbstbildnisse untersuchen, können wir doch etwas über das Leben und das tragische Ende sagen – das Ende, vor dem uns die Linie wohl seit jener Darstellung aus dem Jahre 1921 gewarnt hatte... In der Emigration zeigt Mladen Scharbinowitsch die gleiche Blutgruppe, die gleichen anämischen und melancholischen Züge, wie die anderen politischen Flüchtlinge. Oft wechselt er seinen Wohnsitz und irrt umher, wobei er sich unbewußt das Verhalten eines Gejagten zu eigen gemacht hat, den die dunklen Mächte und alte Erinnerung überfallen. Toledo, San Sebastian, Lissabon, London, Dauville und schließlich Paris: die letzte Adresse Avenue Philipp August 92. Der Maler nimmt an vielen Emigrantenorganisationen teil, nennt sich aber auch weiterhin den “Menschen der fünfundzwanzigsten Stunde”. In diesen Jahren malt er mit schwergewordenem Pinsel, etwas reinere, aber trockene Paletten. Drei kleine Bilder auf Leinwand, entstanden zwischen 1948 und 1956, zeigen die ganze Tragik des qualvollen Zusammenlebens mit einer Linie. Das Selbstbildnis in der Mittagshitze von Toledo, Selbstbildnis mit Londoner Tauben und Selbstbildnis an verlassenen Schiffsrümpfen im Hafen von Dauville, werden die Rückkehr zu der jugendlichen Technik der sich ablösenden gleichmäßigen ockerfarbenen Flächen bestätigen, nur der Einschnitt wird nicht mehr ein bloßer Sprung sein, als hätte die Farbe an dieser Stelle einen unbedeutenden Riß bekommen. Auf diesen drei im Exil entstandenen Autoportraits hat sich die Linie wie eine eitrige Wunde geöffnet. Die Narbe überflutet schamlos das Gesicht und es scheint, als schaute aus ihr auch das Innere des Malers, seine krankhaften Gedanken und all seine unklaren Ängste hervor.

Danach wird Mladen Scharbinowitsch zehn Jahre lang keine Selbstbildnisse mehr malen. Das letzte wird er als sein Abschlußwerk an jenem Abend beginnen, als er umgebracht wird. Der geheimnisvolle Besucher, zweifellos über geheime Kanäle aus dem Vaterland entsandt, wird ihn bei der Beendung des letzten Selbstbildnisses überraschen, auf dem das Gesicht eindeutig in zwei Hälften gespalten ist. Grausam wird er mit der Axt ausholen, als würde es sich nicht um ein Leben, sondern um eine Skizze für einen Roman handeln, und den Maler ins Gesicht treffen. Nach dem schrecklichen Mord wird er sich umdrehen und fortgehen, ohne eine Wort zu sagen. Die französische Polizei wird in der Avenue Philipp August den blutigen Körper finden. Auf dem Gesicht wird sie einen deutlichen Wundriß wahrnehmen: Er begann gleich unter der ergrauten Locke, lief über die Stirnmitte herab, folgte den Faltenlinien unter dem linken Auge und endete ganz unten an der Wange. Auf der Staffelei stand noch immer die letzte Leinwand. Modell und Abbild waren sich endlich gleich.

Für das Normaljahr 1966

DER WITWER UND DIE SARDINEN

Ein Jahr vor Ablauf des Jahrhunderts wurde Doktor Alvaro Witwer. Die Beerdigung verlief in aller Stille, an der Totenbahre wurden keine Reden gehalten. Doktor Alvaro gelobte sich zu schweigen. Die Sachen seiner Frau steckte er in große Plastikhüllen, aus den Taschen holte er die alten Notizen heraus und steckte Mottenpulver hinein. Dann widmete er sich seinen Patienten, die an Psoriasis, Vitiligo, Tripper und Gonorrhoe litten. Der Spezialist für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Doktor Alfonsino Alvaro, hatte seine Praxis in einer schönen Gegend, in der Rua Augusta 38a. Die Kollegen schätzten seinen Beitrag zur Wissenschaft, die Kranken waren ihm für seine Diskretion dankbar, und der Doktor ordnete schweigend jeden Abend von neuem die Kleidungsstücke seiner Frau. Manche Kostüme kombinierte er mit Seidenblusen, Röcke mit kaum sichtbaren Flecken brachte er zur Reinigung und ließ sich eine Quittung auf den Namen seiner Frau ausstellen. Am letzten Tag des alten Jahres 1999 kaufte er auf dem Pedro Quattro-Platz eine Büchse mit griechischen Sardinen. Darauf stand: TRATA, sardelles se sogileaio, und auf der Rückseite: haltbar bis 31. Dezember 2000. An diesem Abend aß Doktor Alvaro die pikanten Sardellen nicht, auch nicht am nächsten. Am Neujahrsabend ging er allein die steilen Straßen von Lissabon entlang, wich den Straßenbahnen und den schmutzigen Wasserfluten aus, die der Regen geradewegs in den Ozean trug. Er ging auf dem Anlegeplatz Maritimo spazieren. Im riesigen Hafen verteidigte er sich mit seinem alten Schirm gegen den Regen, der ihm unter den Mantelkragen fiel. Er betrachtete die dunklen Schiffsrümpfe. Die unbeleuchteten Überseeschiffe sahen verlassen, fast verflucht aus, gestrandet am Ende eines leidvollen Jahrhunderts...

Mitte Januar dieses Jahres 2000 wollte er wieder die Sardinen essen, aber auch diesmal überlegte er es sich anders. Am nächsten Tag – es war wohl Dienstag, für den Doktor ein Tag wie jeder andere – betrat Dr. Alfonsino Alvaro ein Schuhgeschäft im Stadtviertel Alfama und kaufte ein Paar neue Abendlackschuhe. Er belog die Verkäuferin. Er sagte, er wolle seine im Augenblick abwesende Frau überraschen... Im Schrank stand nun, nebst gespenstigen Reihen gebügelter Kleidungsstücke in Plastikhüllen, auch ein Paar Damenschuhe mit hohen Absätzen und eine Dose pikanter Sardinen. In diesem Abschlußjahr des Jahrhunderts behandelte der Doktor ungewöhnlich viele an Syphilis erkrankte Patienten. Und dann kam der Neujahrsabend, der letzte im zwanzigsten Jahrhundert, und niemand dachte auch nur an den Weltuntergang. Der Premierminister der sozialistischen Regierung von Portugal wandte sich an die Nation mit den besten Wünschen für das neue Jahrtausend. Während er die Kleidungsstücke seiner Frau über den Stuhl legte und irgendwo darunter das Paar der im Bezirk Alfama gekauften, glänzenden Schuhe stellte, hörte Doktor Alvaro von irgendwelchen Amerikanern, die mit einem Flugzeug in Drehrichtung der Erde fliegen, und so auf das neue Jahrhundert ganze acht Stunden warten würden. Er wußte nicht, warum ihn das interessieren sollte und schaltete den Fernseher aus. Es war fast Mitternacht. Die Tür ließ er aufgeschlossen und setzte sich an den Tisch. Er schaltete das altertümliche Grammophon ein und ließ die Ballade Grandola vila morena spielen. Er öffnete die Büchse mit den aromatischen Sardellen in Sojaöl, aber dachte nicht einmal daran, sie zu essen. Allein am Tisch, wartete er auf seine Frau, und seinen Blick richtete er auf den ovalen Metallteller, aus dem ihm mit großen öligen Augen 5 Sardinen leblos entgegenschauten. Er meinte, genau um Mitternacht würden zuerst diese griechischen Fischchen von den Toten auferstehen und so der verstorbenen Maria Alvaro ein Zeichen geben. Zur zwölften Stunde, während Revolverschüsse wie verrückt über den Dächern von Lissabon knallten, saß der Spezialist für Haut- und Geschlechtskrankheiten mit weit geöffneten Augen vor den Sardinen und die Musik, die er immer lauter laufen ließ, wiederholte sich unermüdlich. In einem Augenblick erschien es ihm, als hätte bei einem der Fische ein Auge aufgeleuchtet, als hätte sich eine der toten Sardinen bewegt und gleich einer Meerjungfrau mit ihrem Schwanz gezappelt – aber, nein, das mußte eine Täuschung gewesen sein. Seine Mahlzeit sah ihn mit demselben stumpfen Blick wie zuvor an, und der Doktor dachte, er würde in Ohnmacht fallen...

Eine halbe Stunde nach Mitternacht beschloß er, die Fische in Öl allein aufzuessen, aber die angegebene Haltbarkeitsfrist war abgelaufen und er mußte sich in den ersten zwei Tagen des neuen Jahrhunderts ungewöhnlich viel übergeben. Er ging auf die Terrasse blaß, mit zerzausten Haar, und betrachtete mit Tränen in den Augen das neue Millennium, das, zumindest in diesen ersten Tagen genauso aussah, wie das vorangegangene: Bleifarbig, auf den am weitesten vorgeschobenen Küsten Europas gestrandet, leer und so ungewiß. Erst am dritten Januar ging Doktor Alfonsino Alvaro hinaus auf die Straße und noch nicht ganz zu Kräften gekommen, schenkte er, ohne viel zu überlegen, alle Sachen seiner Frau einer katholischen Wohlfahrtsorganisation. Nur für einen Augenblick war er im Zweifel, ob er das Paar Lackschuhe behalten sollte, als ob gerade sie von der verstorbenen Maria zurückgeblieben wären, aber dann überlegte er es sich anders und gab auch sie weg...

Für das Schaltjahr 2000
(Übersetzung Maja Anastasijevic)

 

PROLOG
DREI PISTOLENSCHÜSSE

Für den Arzt Mehmed Graho begann der Große Krieg, von dem er noch nichts ahnte, in dem Augenblick, als er hörte, in der drückenden Junihitze würden „ein paar wichtige Tote“ in das Leichenschauhaus gebracht. Für Doktor Graho, einen gebeugten, aber noch rüstigen alten Mann, kahlköpfig, mit ausgesprochen großer, flacher Schädeldecke, gab es jedoch in Wahrheit keine wichtigen Leichen. Alle, die ihm unter das Messer kamen, waren wachsbleich, mit im Tod geöffneten Mund, oft mit Augen, die zu schließen niemand die Zeit oder den Mut gefunden hatte, so dass sie weit aufgerissen zur Seite starrten, als versuchten sie mit ihren leblosen Pupillen noch einmal einen Sonnenstrahl einzufangen.

Ihn erschütterte das indes nicht. Schon seit 1874 pflegte er seine runde Brille auf die Nase zu setzen, den weißen Kittel anzuziehen, die langen Handschuhe überzustreifen und sich im Leichenschauhaus von Sarajevo an die Arbeit zu machen. Unter den gebrochenen Rippen, die polizeiliche Folter ahnen ließen, entnahm er der Brust das Herz und fand in den Mägen verschluckte Fischgräten und Reste der letzten Mahlzeit der Verstorbenen.

Jetzt trafen also „wichtige Tote“ ein. Der Pathologe hatte noch nicht gehört, was auf der Straße geschehen war. Nein, er wusste nicht, dass der Wagen des Erzherzogs langsam in die Franz-Joseph-Straße eingebogen war, dass dort, an der Ecke beim Gebäude der Versicherungsgesellschaft Croatia ein junger Bursche aus dem Gedränge heraus drei Pistolenschüsse auf den Thronfolger und die Herzogin Hohenberg abgegeben hatte, dass das Gefolge zunächst glaubte, das Prinzenpaar sei unverletzt, dass es schien, als habe sich der Erzherzog nur umgewandt und seinen Blick zur anderen Seite, auf die versammelte Menschenmenge gerichtet, dass die Herzogin wie eine Puppe aus dem Schaufenster eines Wiener Kaufhauses wirkte, dass einen Augenblick später Blut aus der Brust der Adligen quoll und sich gleich darauf Franz Ferdinands Mund mit Blut füllte, das auf der rechten Seite über seinen sorgfältig geschwärzten Schnurrbart hinunterrann, dass man erst dann feststellte, dass die hohen Gäste getroffen worden waren, und fünfzehn Minuten später, dass ein wichtiger Gast zu einer „wichtigen Leiche“ geworden war, und schließlich nach einer weiteren halben Stunde, dass auch die Dame, der zweite wichtige Gast, nicht mehr aus ihrer Bewusstlosigkeit erwachen würde, so dass auch sie in der Kühle des Konaks, wo man sie niedergelegt hatte, zur „wichtigen Leiche“ erklärt wurde.

Nun waren die beiden wichtigen Toten eingetroffen, ohne dass irgend jemand Doktor Graho gesagt hätte, wer sie waren.Aber an der Uniform der männlichen Leiche mit ihren zahlreichen Orden und an der seidenen Schleppe der langen Festrobe der weiblichen Leiche erkannte er sofort, wer ihm da unter das Skalpell kam. Er hatte sie schon entkleidet und ihre Wunden gewaschen, als man ihm sagte, er dürfe nicht einmal die Kugeln aus ihren Leibern entfernen, sondern solle lediglich Gips anrühren und ihnen die Totenmasken abnehmen. Wohl deshalb bemerkte er nicht, dass der Erzherzog einen gefährlichen kleinen Tumor in der Mundhöhle hatte und dass mit der adligen Dame auch ein mutmaßlicher Foetus in ihrem Leib getötet worden war.

Nur die Gesichter bestreichen und Abdrücke nehmen… Das tat er, während sich vor dem Leichenschauhaus Rufe mit dem warmen Sommerwind von der Miljacka und fernem Schluchzen mischten. Nicht weit entfernt auf der Straße machte die Menge Anstalten, die Attentäter zu lynchen. Unter der Lateinerbrücke fand man die fortgeworfene Waffe. Denunzianten meldeten in Panik viele Gerüchte, vermischt mit eine Unmenge von Niederträchtigkeiten und Lügen, Doktor Graho aber rührte in einer Blechschüssel Gipspulver und Wasser an, wobei er achtgab, dass die Masse nicht hart wurde, ehe er sie auf die Gesichter auftrug.

Zuerst bestrich er die gewölbte, in der Mitte von einer Falte durchzogene Stirn der Adligen und die etwas stumpfe Nase mit den weiten Nasenlöchern, die er gut füllte, trug dann Gips zwischen den Wimpern auf und formte sorgfältig wie ein Künstler die Augenbrauen, indem er fast liebevoll jedes Haar mit der Masse bedeckte. So war er gut vorbereitet auf das Gesicht des Erzherzogs und seinen schwarzen Schnurrbart, die es für Generationen getreulich zu bewahren galt und für viele Bronzeabgüsse, die - so glaubte er – noch jahrzehntelang jede Institution der Doppelmonarchie zieren würden. Hatte er Angst? War er aufgeregt? Fühlte er sich womöglich ein wenig als Schöpfer, während er die Totenmaske des Mannes formte, der kaum eine halbe Stunde zuvor noch der kommende mächtigste Mann Österreich-Ungarns gewesen war? Nichts von alledem. Doktor Graho zählte zu den Menschen, denen keinerlei Gedanken im Kopf herumspukten. Er hatte keine Phantasie. Keine Albträume quälten ihn. Die Geister der Toten vom vorausgegangenen Arbeitstag suchten ihn im ersten Schlaf nicht heim. Wäre es anders gewesen, hätte er kaum schon seit 1874 der erste Pathologe von Sarajevo sein können, und ihm wären nicht tagtäglich verstorbene Türken und einheimische Tote aller drei Religionen unter das Messer gekommen.

Auch jetzt zitterte seine Hand nicht. Er formte den Gips unter des Thronfolgers Unterlippe, drückte behutsam das Grübchen auf dem glattrasierten Kinn ein, bestrich die Brauen und widmete sich mit Sorgfalt dem Schnurrbart.Zunächst entfernte er den Talg, mit dem er gefettet war, dann bemühte er sich, jedes schwarze Barthaar mit seiner Schicht Gips zu versehen. Als er fertig war, lagen unter seinen Händen zwei entspannte, völlig nackte Körper mit weißen Masken vor dem Gesicht. Er brauchte nur noch zu warten, doch da geschah etwas Ungewöhnliches.

Ein Wort zuerst, dann noch eines.

Hatte vielleicht jemand das Leichenschauhaus betreten? Ein Gehilfe oder ein Gendarm? Er sah sich um, aber da war niemand außer ihm, während die Wörter sich bereits zum Geflüster formten. In welcher Sprache ließ sich diese Rede vernehmen? Zuerst dachte er, es sei ein Gemisch aus vielen, darunter Türkisch, Serbisch, Deutsch und Ungarisch, die er kannte, aber auch andere, wie ihm schien, asiatische, afrikanische, ja sogar ausgestorbene Sprachen wie Armenisch oder Chasarisch. Doch nein, das war eine Täuschung. Der Arzt, der nie geträumt hatte, setzte sich einfach auf einen Stuhl, anscheinend noch immer nicht im geringsten geängstigt. Er betrachtete die Leichen. Es kam ihm nicht so vor, als bewegten sie sich, und selbst wenn sie sich zufällig gerührt hätten, wäre er nicht überrascht gewesen. Wenn die Seele den Körper verlässt, kommt es vor, dass der wahnsinnige Körper verzweifelt zuckt. Er hatte das 1899 gesehen, als ein Unglücklicher fast einen ganzen Tag nach seinem Tod beinahe von seinem metallenen Tisch gefallen wäre, weil er sich aufbäumte wie von einem Stromschlag getroffen. Ein andermal, wohl 1904 oder –so ist es – im folgenden Jahr 1905, hatte eine Frau, so schien ihm, den ganzen Abend lang geatmet. Die immer noch schönen Brüste, die noch kein Kind gestillt hatten, hoben und senkten sich gleichmäßig vor Doktor Grahos Augen, als schöpfe der tote Mund noch Atem, aber das war eine Täuschung, und der Arzt hatte sie später in einer vielbeachteten Arbeit in einer Wiener Fachpublikation dokumentiert.

Der Erzherzog und die Herzogin hätten sich jetzt sogar umarmen können, ohne dass es ihn erstaunt hätte. Aber Worte …? Sie lösten sich von den verschiedenen Provinzidiomen und drangen klarer und deutlicher nur noch auf Deutsch an sein Ohr … Er versuchte einzuschätzen, woher das Flüstern kam, und stellte schnell fest, dass es die Münder unter den Gipsmasken waren, die sprachen. Jetzt war er alarmiert. Das war physiologisch nicht zu erwarten und ließ sich nicht mit einem überzeugenden Vortrag vor der Kaiserlichen Pathologischen Gesellschaft abtun. Ferdinand und seine Herzogin unterhielten sich. Doktor Graho hielt sein Ohr dicht vor Ferdinands Mund und vernahm unter der Gipsmaske hervor dumpf, aber deutlich genug ein Wort: „Liebes.“ Als Antwort folgte sogleich: „Lieber.“ „Siehst du diese Landschaft, dieses Gebirge, wo das Laub so schnell sprießt und von den Bäumen fällt, als jagten die Jahre wie Minuten vorbei?“ Als Erwiderung kam von der Herzogin nur: „Tut es dir weh?“ „Ein bisschen“, erwiderte die wichtige männliche Leiche. „Und dir?“ „Nein, Lieber, nur habe ich etwas Hartes über den Lippen, und das ist keine Graberde…“

Mehmed Graho wich zurück. Der Gips auf den Gesichtern des Thronfolgerpaares war noch nicht erstarrt, aber auf die Worte der Herzogin hin begann er die Abdrücke mit zitternden Händen abzunehmen. Er hatte Glück, dass sie nicht zerbrachen, denn das hätte ihn gewiss seine Stelle gekostet, die er schweigsam schon seit türkischer Zeit innehatte. Zwei glücklicherweise heile Totenmasken in den Händen, betrachtete er die verschmierten Gesichter der wachsbleichen Gestalten auf seinem Tisch. Ihre Lippen bewegten sich, das hätte er zu beschwören gewagt. „Ich bin nackt“, sagte die männliche Leiche. „Ich schäme mich, nicht einmal dir habe ich mich je nackt gezeigt“, erwiderte die weibliche. „Aber jetzt gehen wir.“ „Wohin?“ „Irgendwohin.“ „Was lassen wir zurück?“ „Elend, nichts, unsere Träume und alle traurigen Pläne.“ „Was wird geschehen?“ „Krieg wird es geben, den großen Krieg, für den wir uns gerüstet haben.“ „Ohne uns?“ „Eben unseretwegen …“

In diesem Augenblick stürmte ein Mann in das Leichenschauhaus. Auf Türkisch wandte er sich an Doktor Graho: „Herr Doktor, sind Sie fertig? Gerade rechtzeitig. Die neuen Uniformen kommen soeben.“ Auf Deutsch fuhr er fort: „Oh Gott, wie schrecklich, sie nackt zu sehen, die Gesichter mit Gips verschmiert. Waschen Sie sie schnell. Jeden Augenblick muss die Delegation des Hofes eintreffen. Die Körper müssen einbalsamiert und eilig mit der Bahn nach Metković und dann per Schiff nach Triest gebracht werden. Los, Herr Doktor, was stehen Sie da wie versteinert? Das sind doch wohl nicht die ersten Toten, die Sie sehen. Erzherzog und Herzogin – wenn sie zu atmen aufhören, sind sie alle nur Leichen.“

Und die Stimmen, hätte Doktor Graho beinahe gefragt, und der Krieg, der große Krieg? Aber er sagte kein Wort. Tote Münder reden doch nicht, dachte auch er, während er die Gipsabdrücke dem Mann übergab, von dem er nicht wusste, ob er ein Gendarm, ein Spitzel, ein Soldat, ein Provokateur oder einer der Attentäter war... Später schien alles so, wie es im Leichenschauhaus für gewöhnlich ist. Die Toten wurden angekleidet, man zog eine neue Uniformjacke über die Brust des Erzherzogs, falsche neue Orden nahmen den Platz der alten, blutigen und verbogenen ein, ein neues Ballkleid, fast identisch mit dem alten aus Seide von der Farbe blasser Aprikosen, bedeckte die nackten Brüste der Herzogin (niemand dachte in diesem Augenblick an Unterwäsche), und der Abend kam genau wie jeder andere, mit dem leichten Wind im Talkessel, der Sarajevo auch im Sommer kühlt.

An den folgenden Tagen arbeitete Doktor Graho. Niemand rührte sich auf seinem Tisch, niemand sagte ein Wort, aber achthundertfünfzig Kilometer weiter nordwestlich feuerte die österreichische Presse bereits einträchtig ihre Breitseiten auf die serbische Regierung und Ministerpräsident Nikola Pašić ab, der den deutschen Journalisten von jeher unsympathisch war. Im Pester Lloyd, dessen Redaktion sich in einem düsteren, geradezu unheimlichen Gebäude auf der Pester Seite unmittelbar an der Donau befand, arbeitete auch Tibor Veres. Für den Journalisten Veres begann der Große Krieg, als er in einer serbischen Zeitung, die zu beobachten er – als Ungar aus der Batschka mit serbischen Sprachkenntnissen –beauftragt war, den folgenden Satz las: „In Wien, dieser Räuberhöhle, in der serbische Kaufleute seit Jahren ihr Geld lassen, klingen die Verleumdungen der österreichisch-jüdischen Journalisten immer mehr wie Hundegekläff.“ Zorn packte ihn, wie er später Kollegen gestand, nicht so sehr als ungarischer Jude (der zu sein er nur vorgab), sondern vielmehr weil er sich als Journalist angegriffen fühlte (was übertrieben war, denn er war nur ein gewöhnlicher Schreiberling). Bei einem Krug Dunkles in der Bierhalle „Taverne“fügte er noch hinzu: „Das zahle ich ihnen heim!“ Der betrunkene Haufen griff seine Worte auf und brüllte wie einen Refrain: „Das zahlt er ihnen heim!“

Und was blieb nun einem gewöhnlichen Skribenten in der Hauptstadt, der noch tags zuvor über Brände in Budaer Gebäuden berichtet hatte und über Nachtgeschirre, die mancher noch aus dem Fenster über den Köpfen von Passanten leerte – was blieb ihm anderes übrig als zu denken, dieser Refrain des kriegslüsternen Wirtshauspöbels verpflichte ihn? Aber wozu? Einige Tage darauf erteilte der Redakteur ihm einen neuen Auftrag, in dem er die Hand der journalistischen Vorsehung zu erkennen glaubte.Alle jüngeren Mitarbeiter des Pester Lloyd, die für keine ständige Rubrik verantwortlich waren - und zu ihnen gehörte auch Veres – erhielten die Aufgabe, täglich Drohbriefe zu verfassen und an die Adresse des serbischen Hofes zu schicken.

Vergebliche Mühe anscheinend, aber nicht für jemanden, der gerade noch über Windpockenepidemien im Zigeunerghetto auf der Margareteninsel in Budapest berichtet hatte. Die neue Aufgabe erforderte Loyalität und Patriotismus, vor allem aber einen angemessenen Stil für solche Schmähschriften. Und Veres machte sich an die Arbeit. Loyal war er. Entschlossen über die Maßen. An seinem Patriotismus als Ungar jüdischen Glaubens zweifelte er nicht. Und sein Stil - der konnte seiner Meinung nach schon gar nicht versagen. Der erste Brief an seine königliche Hoheit Alexander, den serbischen Thronfolger, gelang wundervoll. Tibor Veres hatte den Eindruck, er schreibe nicht, sondern schreie persönlich diesen dreisten Prinzen an, der die Lunte an das alte und zivilisierte Europa legte. Im Gedächtnis blieben ihm besonders die Sätze: „Sie sind ein Schwein, das sich nicht einmal in seinem eigenen morastigen Gehege zu wälzen versteht.“; oder: „Stinktierbrut, selbst Deinen Schlamm erfüllst Du mit Gestank.“

Als die serbische Presse, die er weiterhin beobachtete, meldete, am Hof träfen tagtäglich aus Budapest und Wien Hunderte sinnloser Drohbriefe in ungarischer und deutscher Sprache ein, die von den abscheulichsten Verunglimpfungen des Thronfolgers und des alten Königs Peter strotzten, verstand Veres das als Ansporn, noch entschlossener weiterzumachen (auch der Redakteur las ein Pasquill und sagte etwas wie „aus Ihnen wird noch mal ein tüchtiger hauptstädtischer Journalist“). Aber dann passierte auch einem Journalisten, genau wie dem Pathologen Graho, etwas Ungewöhnliches, wenn auch keineswegs unter so schaurigen Vorzeichen wie im Leichenschauhaus von Sarajevo. Die Wörter fingen einfach an, sich zu verselbständigen. Wie es dazu kam, hätte er nicht zu sagen vermocht.

Mit äußerst beleidigender Anrede leitete er einen neuen Brief ein. Er dachte sich eine möglichst unverschämte Kennzeichnung des serbischen Königs und Serbiens aus, entfaltete als guter Journalist diesen Gedanken, fand schändliche historische Beispiele und würzte das Ganze schließlich mit keineswegs verhüllten Drohungen. Als er dem Redakteur den Brief zeigen wollte, beschloss er glücklicherweise, ihn vorher noch einmal durchzulesen, und war aufs Höchste überrascht. Die Worte, die er geschrieben hatte, schienen ihr Spiel mit ihm zu treiben, ganz von allein, auf dem weißen Papier. Es war ein grammatisches Königreich ohne König. Die Substantive entrissen einander ihre Bedeutungen, und auch die Verben standen nicht zurück; Adjektive und Adverbien verhielten sich wie richtige Banditen und Schmuggler, wie menschliche Schiffsbesatzungen, die Waren und Menschen als Kontrabande mitführten. Nur Zahlen und Präpositionen verweigerten sich dem mutwilligen Spiel. Das Ergebnis war, dass alles, was Tibor geschrieben hatte, am Ende mehr wie eine Lobrede auf den serbischen Thronfolger als wie eine Beleidigung klang.

Zuerst versuchte er den Brief noch einmal abzuschreiben, doch ging ihm auf, dass es dumm war, eine überschwängliche Lobpreisung Serbiens zu kopieren, wo er doch eigentlich etwas ganz Entgegengesetztes formulieren wollte. Deshalb wechselte er die Sprache, ging vom Ungarischen zum Deutschen über. Aus dem Gedächtnis suchte er schwerfällige germanische Wörter hervor, Wörter mit Wülsten und seltsamen Wucherungen – Wörter, blind und taub für jede Moral oder auch nur das geringste Selbstwertgefühl. Aus solchen von der Straße aufgelesenen Satzbrocken und keifenden Ausdrücken des Gossenjargons verfasste der kleine Chronist von Budapest dann einen neuen Brief, den er wiederum für gut befand, wenn man das von einem Pasquill sagen kann, aber kaum hatte er ihn fertiggestellt, begann er sogleich, vor seinen Augen, seinen Sinn zu verändern und unverschämt fein zu werden. Gering wandelte sich leichtfertig zu gerecht; wollte er schreiben Das war eine dumme Sache, so kam dabei, in seiner Handschrift, heraus Jede Sache hat zwei Seiten, ganz so, als wollte er sich mit dem frechen Prinzen auf eine Diskussion einlassen, statt ihn zu beschimpfen. Und so ging es weiter. Wörter, die nach Niedertracht und menschlichen Ausscheidungen rochen, kamen jetzt gebadet und parfümiert daher. Schimpfwörter wurden zu gewöhnlichem Tadel; Tadel verwandelte sich sehr leicht in Lob...

Es kam ihm in den Sinn, das könne daran liegen, dass er auf dünnem Durchschlagpapier schrieb, und so bat er den Redakteur um stärkere Bögen. Er tauschte auch den Füllhalter aus und ersetzte die blaue durch schwarze Tinte, und schließlich hatten seine Qualen ein Ende. Seine fürchterlichen Briefe blieben, wie sie gedacht waren, wie ein von Hagelkörnern, groß wie Hühnereier, getroffenes Feld. Sie gefielen auch dem Redakteur, und Tibor glaubte, das Geheimnis liege im Papier, im Füllhalter und in der Tinte. Küssen mögen hätte er sein bösartiges Schreibgerät, mit dem er im Laufe des Sommers 1914 noch eine Menge infamer Briefe an den serbischen Hof verfasste. Er ahnte indes nicht, was auf der Post geschah...

Die heimtückischen Briefe hatten erkannt, dass sie sich nicht vor den Augen ihres aufgedunsenen, unausgeschlafenen Schöpfers wandeln durften, und beschlossen, ihren Sinn im Fach oder im Waggon des Schnellzugs der Österreichischen Post zu ändern, die Briefe innerhalb Europas, also auch nach Serbien beförderte. So hatte ein Journalist kurz vor der Mobilmachung seinen Arbeitsplatz gerettet, und am serbischen Hof wunderte man sich, unter Hunderten von Schmähbriefen gelegentlich auch ein Lob aus Budapest zu erhalten, was man fälschlich für ein Zeichen gesunden Menschenverstands hielt, den es in Österreich-Ungarn immer noch geben musste.

In der serbischen Presse aber brodelte es weiterhin, auch sie erging sich in Beleidigungen und zügelte sich kaum in ihrer Wortwahl, nur dass sich in keiner Zeitung in Serbien die Wörter veränderten oder auch nur ein einziges Mal eine Fahne mit gewandeltem Sinn der Sätze in Druck ging. Tibor Veres fuhr fort, mit seiner schwarzen Tinte auf stärkerem Papier zu schreiben und die serbische Presse zu beobachten. Er blätterte allerdings nur die ersten Seiten durch, während ihm die Anzeigen unwichtig schienen. Ausgerechnet die Annoncen bewirkten jedoch, dass es in Belgrad, wie die Politika schrieb, zu „einem Vorfall“ kam. Alles fing mit einem Inserat an, das Tibor Veres nicht gelesen hatte. Für Đoka Veljković, der im Kleinen mit Schuhcreme handelte, begann der Große Krieg, als er in der Politika eine Anzeige aufgab, in der es hieß: „Kaufen Sie die deutsche Schuhcreme Idealin! Das echte Idealin mit dem Schuh auf der Schachtel wie im Bild ist aus reinem Talg hergestellt und pflegt das Leder Ihrer Schuhe.“ Unten fügte er, um den bezahlten Platz gänzlich auszufüllen, noch etwas hinzu, was sich später als fatal für ihn erweisen sollte: „Hüten Sie sich vor Imitaten, wenn Sie wollen, dass Ihre Schuhe lange schön bleiben.“

Die Anzeige erschien auf Seite vier der Politika, an dem Tag, als die Titelseiten meldeten, in Österreich werde „mit wenig Verstand gedacht“, die Times vertrete „einen der österreichischen und Budapester Presse entgegengesetzten Standpunkt“, „die Attentäter Gavrilo Princip und Nedeljko Čabrinović“ seien „im übrigen Bürger Österreich-Ungarns“, doch der Kleinhändler, der die importierte Schuhcreme verkaufte, las diese Überschriften nicht. Auch der Schuster Gavra Crnogorčević warf keinen Blick auf die ersten Seiten, sah hingegen sehr wohl die Anzeige und vor allem den Zusatz „Hüten Sie sich vor Imitaten, wenn Sie wollen, dass Ihre Schuhe lange schön bleiben“. Gavra hatte anscheinend noch eine Rechnung mit Đoka offen. Eine Zeit lang waren sie beide Schustergehilfen gewesen und hatten, wie es hieß, sogar unter derselben Adresse im Hinterhof von Mija Čikanović, einem Kaufmann en gros und en détail aus dem vorigen Jahrhundert, gewohnt. Ob Crnogorčević aus Missgunst oder wegen alter unbeglichener Rechnungen beschloss, dem Schuhcremehändler Veljković das Geschäft zu verderben, ist nicht bekannt.

Crnogorčević soll sich im Wirtshaus „Dardanellen“ vor seinen angetrunkenen Kumpanen gebrüstet haben, er hasse alles Deutsche, insbesondere alles, was aus seiner Zunft komme, und sehe nicht ein, warum die Serben sogar Schuhcreme einführen und sie „Imalin“ oder „Idealin“ nennen sollten, wo sie doch selbst aus Talg und schwarzem Farbstoff eine bessere Schuhcreme als jede deutsche mischen könnten. Dieses Auftrumpfen im Wirtshaus – mit einem Refrain ganz ähnlich dem, der einen kleinen Budapester Journalisten mitgerissen hatte, einem Refrain, den die Menge wie eine Salve wiederholte: „Bei uns ist alles besser als in Deutschland!“ – ,bewog vermutlich den Schuster, eine Kopie des „Idealins“ herzustellen. Heimischer Talg, heimisches Pigment, ein Meister für Blechdosen aus Vrčin, ein zwielichtiger Bursche, der eine Schablone für eine identische Presse anfertigte, die das Bild einer Hand mit einem Schuh aufprägte, neben dem stand „das beste Idealin“ – und die gefälschte Schuhcreme erschien auf dem Markt.

Das eine wie das andere Erzeugnis wurde in Kolonialwarenläden verkauft, so dass sich die Wege von Veljković und Crnogorčević zunächst nicht kreuzten. Aber die Stadt Belgrad war zu klein, als dass diese „Schuhcreme-Kohabitation“ hätte von langer Dauer sein können. Veljković bemerkte die Fälschung und brauchte nur wenige Tage, um in den Kreisen der Schuster, Wirtshausstreithähne und vorwitzigen Lehrlinge in Erfahrung zu bringen, wer sie herstellte. Als er hörte, dass es Crnogorčević war, mit dem er als junger Bursche die Behausung geteilt hatte, derentwegen er hungern musste, weil alles Geld, das er bekam, für die Miete draufging, war er außer sich.

Er gab eine neue Annonce in der Politika auf, in der er „Herrn Crnogorčević und die Herrschaften, die ihn unterstützen“, mahnte, das falsche Produkt vom Markt zu nehmen, denn andernfalls würden sie „alle möglichen Sanktionen zu erdulden haben: seitens des Staates, der Zunft und auch menschliche“, aber der Idealindieb ließ sich nicht einschüchtern. Als gerissener Betrüger wies er im Gegenteil sofort mit dem Finger auf Veljković, behauptete, dieser sei es, der gefälschtes „Idealin“ verkaufe, und schlug vor, Sachverständige vor Gericht beweisen zu lassen, wessen Erzeugnis das echte sei. Aber es war der heiße Sommer nach den Kriegen im Süden, und es war die unheilvolle Woche, in der man eine Note der österreischen Regierung erwartete, die Freiherr von Giesel, der österreichische Gesandte in Belgrad, überbringen sollte, und so kam zunächst niemand dazu, sich in dieses kleine Duell einzumischen.

Die beiden unversöhnlichen Rivalen planten ihre nächsten Schritte.Was ihnen beiden als Erstes einfiel, war, Burschen zu finden, die den anderen verprügeln und seine „schändliche Manufaktur“ demolieren sollten, aber solche Burschen waren irgendwie nicht aufzutreiben, oder die beiden hatten nicht genug Geld, um die Schläger der Hauptstadt zu bezahlen. Deshalb beschlossen sie, sich zu duellieren! An dem Tag, als über Belgrad ein merkwürdiges Flugzeug gesichtet wurde, das zehn Minuten verweilte und dann in Richtung Višnjica auf der österreichischen Seite verschwand, vereinbarten Veljković und Crnogorčević ein Duell In Belgrad hatte das Duellieren indes keine Tradition, und die beiden Schuster hatten kaum eine Ahnung, was alles arrangiert werden musste, damit der Zweikampf gültig war. So stützten sie sich im Wesentlichen auf französische Groschenromane, die sie beide lasen, und auf ihre undeutlichen Erinnerungen an die Ehrenhändel, die in dieser Lektüre voller Rührseligkeit geschildert wurden.

Sie suchten und fanden in der Hauptstadt Pistolen: beide einen Browning (Crnogorčević mit langem, Veljković mit kurzem Lauf). Dann machten sie sich auf die Suche nach Sekundanten, nach weißen Hemden mit spitzengeschmückter Brust und engen Hosen „à la Graf von Monte Christo“, als bereiteten sie sich auf ihre Hochzeit und nicht auf den Tod vor. In dieser Phase etwa erwachte das Interesse der stets sensationslüsternen Presse an ihrem Fall, und die unrasierten Belgrader Schnüffler wandten sich der Angelegenheit zu, mit der sie ihre Leser zumindest ein wenig von den Sorgen ablenken wollten, die sie auf den ersten Seiten ausgiebig schürten. Die Schuster wurden zu Gentlemen erklärt, zu Rivalen um die Hand einer geheimnisvollen Dame, zu großen Meistern ihres Handwerks, während kaum jemand erwähnte, dass das Duell in Wahrheit wegen - einer Schuhcreme anberaumt worden war.

Die Pressestimmen wiederum genügten, das Interesse der hauptstädtischen Polizei an dem Duell zu wecken. Es wurde festgestellt, dass weder Veljković noch Crnogorčević Dienst an der Waffe geleistet hatten, da sie im serbisch-bulgarischen Krieg in der Etappe eingesetzt waren, dass also vermutlich keiner von ihnen jemals auch nur eine Kugel abgefeuert hatte. Aber die Brownings verlangten ihr Recht, und eine Stätte musste gefunden werden, so wie einst, nach den Worten eines Journalisten, „die Entscheidungsschlacht zwischen Osmanen und Türken ihr Amselfeld fand“. Zunächst wollten die Schuster im Topčider-Park schießen, aber die Belgrader Stadtverwaltung erließ eine Vorschrift, niemand dürfe in diesem Auenwald schießen und jemanden töten, denn das störe die Ruhe und könnte dem König, wenn er davon erführe, seine Sommerresidenz verleiden.

Deshalb schlugen die Sekundanten der beiden grimmigen Kontrahenten um das „Idealin“ die nahegelegene Pferderennbahn vor. Der Zweikampf sollte am Tag der Kavallerie, an St. Peter, dem 29 Juni nach dem alten Kalender, einem Sonntag,ausgetragen werden, unmittelbar im Anschluss an die fünf Rennen.Und viel Volk versammelte sich, dieses Mal weniger der Pferde wegen als vielmehr wegen einiger Menschen mit dem Verstand von Pferden, wenn das keine Beleidigung für die edlen Rosse ist.

Zunächst wurde mit Startpistolen geschossen: im ersten Trostrennen siegte der Hengst Đevđelija, im zweiten triumphierte Weiße Rose, im Derby wurde Ždralin Erster, das Jockey-Rennen gewann die Stute Comtesse, das Offiziersrennen zur Überraschung der Buchmacher die einjährige Stute Cyreta aus demselben Stall. Und dann wurde es sieben Uhr abends, und auf das Rasenspielfeld, um das sich die Pferderennbahn wand, traten Đoka Veljković und Gavra Crnogorčević. Und alles war anfangs wie in den herzzerreißenden Romanen aus dem vorigen Jahrhundert. Die Menge war fröhlich und vergnügt. Ihr schien, auch der Tod werde operettenhaft sein. Die Ärzte an der Seite hielten auf ihren Tischchen jedoch Alkohol und Wattebäusche bereit. Die Sekundanten nahmen den Verdammten die Jacketts ab, so dass sie in ihren weißen Hemden dastanden, die beide tatsächlich Spitzeneinsätze hatten. Man lud die Pistolen mit je einer Kugel und spannte den Hahn. Die Duellanten gingen bis zu einer Distanz von hundert Schritt auseinander. Sie hoben die Arme…

In diesem Augenblick hörte alles auf, wie in einem Roman zu wirken. Wohl weil die blutrünstige Menge immer lauter brüllte, zitterte dem einen wie dem anderen Schuster die Hand. Veljković vermochte nicht einmal die Linke ausgestreckt zu halten, während Crnogorčevićs Waffe in seiner Rechten klemmte, so dass die Kugel nicht aus dem Lauf kommen wollte. Nun war Veljković an der Reihe, mit seinem kurzen Browning zu schießen und seinen Kontrahenten, so er ihn traf, ins Jenseits zu befördern. Aber er zögerte. Das Gebrüll derer, die wussten, dass sie in der Masse waren und später an nichts schuld sein würden, schwoll immer furchtbarer an. Als sein Finger, weiß geworden, schließlich den Abzug betätigte, zerbarst der Lauf seiner Pistole, das Geschoss explodierte in seiner Hand und versengte ihm fürchterlich die rechte Gesichtshälfte. Veljković brach zusammen, die Ärzte liefen herbei, die ratlosen Sekundanten erklärten schließlich Crnogorčević zum Sieger im letzten Duell vor dem Großen Krieg in Belgrad.

Und das falsche „Idealin“trug mit seinem Besitzer den Sieg davon und wurde noch einen ganzen Monat lang, bis der Krieg anfing, in Belgrad als das echte verkauft. Aber die Schuhe in der Stadt verzogen sich bei der Hitze und trockneten aus, genau wie die in Bosnien. Der Arzt Mehmed Graho wollte sich deshalb neue kaufen. Er ging zu einem alten Schuster in der Baščaršija. Früher hatte er sich sein Schuhwerk in serbischen Geschäften besorgt, doch die hatten inzwischen zugemacht. Grobe Bretter waren über die eingeschlagenen Schaufensterscheiben genagelt. Doktor Graho sah mit Missbilligung, dass sich Sarajevo immer mehr zum Richtplatz und zum Kehrichthaufen wandelte, nicht einmal den Müll, den die Demonstrationen hinterließen, sammelte jemand auf. In solchen Gedanken betrat er den Laden, zeigte mit dem Finger auf ein Paar solider brauner Schuhe und probierte sie an. Er glaubte nicht, ihm werde etwas Wichtiges geschehen, er wollte einfach nur neue Schuhe. Er hatte Plattfüße und ständig geschwollene Gelenke, und nicht jedes Modell war für ihn geeignet. Genau genommen fand er nur sehr schwer etwas Passendes für sich, und so nahm er auch diesmal vom Kauf der schönen braunen Schuhe mit Lochverzierung Abstand.

Er ging nach Hause und machte sich daran, sich zu rasieren. Den Schaum trug er zunächst unter der Nase, dann an den Seiten und schließlich unter dem Kinn auf. Während er sein Gesicht im Spiegel betrachtete, dachte er nicht an den Vorfall im Leichenschauhaus. Er setzte das Messer an: bedächtig, sorgsam, um sich nicht zu schneiden. Am Abend hatte er Dienst und durfte nicht ungepflegt aussehen. Kurz nach halb sieben traf er im Leichenschauhaus ein. In dieser Nacht kamen mehrere für ihn uninteressante Leichen herein. Er untersuchte sie, führte zwei einfache Autopsien durch und saß in Erwartung weiterer Aufgaben lange auf seinem Metallstuhl. Bis zum Morgen geschah nichts mehr, so dass er sogar ein wenig einnickte.

Aus dem Serbischen von Gudrun Krivokapić