Das Veschwinder der Frau Chiara

Aus Mimikries

frau Chiara, genau genommen seit sieben Jahren Witwe Chiara, besaß ein kleines Lampengeschäft in der Via Nirone. Die Straße, in der sich der schlanken Witwe Laden mit dem Namen „Lux“ befand, war eine dieser winkeligen, noch immer mit Kopfstein gepflasterten Gassen, die sich zusammen mit ihren Hausnummern und Spaziergängern wie in Wirbel dahinwanden – in Richtung Corso Magenta. Die Via Nirone war eigentlich ein Durchgang, der von einer Vielzahl von Geschäften mit alten Holzauslagen, geheimnisvollen schmiedeeisernen Pforten und versteckten Cafés durchzogen war, in denen die Alten noch auf gewebten Stühlen saßen, auf der Flucht vor den Touristen mit ihren neuen „Nikon“-Apparaten und kleinen Walkmen mit gelben Kopfhörern in den Ohren.

Wie andere Antiquitätenläden, verschiedene Altwarenhändler und Geheimtipps für Sammler und schräge Typen aller Art war auch das Geschäft der Frau Chiara nur etwas für Eingeweihte, das heißt, für jene Verirrten, die tagelang durch die Straßen von Mailand liefen, genau wissend, daß sich hier, hinter ein paar Ecken, ein kleiner Laden befand, in dem Lampen und Murano-Glas zu einem bedeutend besseren Preis als in den Luxusboutiquen am Corso Garibaldi zu finden waren, in dem die Luster aus bunten Padua-Perlen sogar um die Hälfte billiger waren, ein Geschäft, in dem...

Und sie kamen wirklich, die kleine Glocke an der Eingagnstür des Ladens klingelte, und die Witwe erwartete sie schon mit einem freundlichen Lächeln und prallen Wangen, die glänzten wie das beste Paar Schuhe beim Schuhputzer vor der Kathedrale. Sie legte die Nadel auf die Platte mit dem alten Etikett, und die Musik begann zu spielen.

- Guten Tag, mein Herr – sagte sie dann und schlängelte sich geschickt zur neuen Kundschaft durch, wie eine Katze, die in diesem Geschäft jedes Stück auswendig kennt. Der Unwissende zog dann seinen Hut und zeigte mit dem Finger auf eines der Exponate – auf eine auf die Seite geneigte Lampe mit einem sich über den Leser beugenden Lampenschirm, so als würde sie in seinem Buch mitlesen.

- Oh, ja, mein Herr – kokettierte sie – das ist ein gutes, ein ganz hervorragendes Exemplar aus der Werkstatt der Gebrüder Siepi. Ja, es ist wirklich aus ihrer Werkstatt. Vielleicht ist es nicht zur Gänze von ihren Händen gemacht, aber es wurde doch von einem sehr fähigen Schüler fertiggestellt... nein... Sie haben noch nie von den Gebrüdern Siepi aus Venedig gehört? Mein Herr, sind Sie vielleicht Ausländer, Sie sehen mir nicht aus wie ein Deutscher oder Portugiese? – Und dann hielt sie inne, reckte ihren langen weißen Hals und schwieg für einen Moment. Der Käufer dachte in diesem Moment, daß er der einzige in diesem Laden in der Via Nirone war, der noch nie von den gefeierten Gebrüdern Siepi aus Venedig gehört hatte – und ahnte nicht im Geringsten, daß alles, das Gesagte und das Schweigen, wie eine fehlerfreie Stepdance-Nummer in einem Vaudeville-Varieté ablief, daß Frau Chiara ihren kleinen Auftritt, der mit dem Auflegen der Nadel des Grammophons begann und seinen Höhepunkt mit dem Recken des Halses hatte und der Frage: „Sie sehen mir nicht aus wie ein Deutscher oder Portugiese?“, einstudiert und zig Male wiederholt hatte.

Ihren Auftritt vor Publikum vollführte sie höchst professionell, wie eine der feinen Prostituierten, die ihren Kunden mit Blicken durchdringen und ihn wissend anlächeln. Einige lange Momente stand sie gönnerhaft über den Ignoranten erhaben, der ungerufen in der Tür unter der Aufschrift „Lux“ stand. Sie zeigte ihm ihr in die Jahre gekommenes Puppengesicht, das Gesicht einer Italienerin, die ihr Geburtsdatum verschweigt und die Vorkriegserinnerungen an ihren ersten Freund auslöscht, der irgendein faschistischer Grobian gewesen war, der sie mit seiner Kraft, seiner Entschlossenheit und dem obligatorischen schwarzen Hemd verzaubert hatte.

Nein, alles hatte sie vergessen. Herr Chiara, einst ein Mann mit schwarzem gezwirbeltem südlichem Schnurrbart, lag unter einer bläulich angelaufenen Platte auf dem Friedhof Monumentale. Der Ahorn, am Tage seiner Beerdigung gepflanzt, war in die Breite gewachsen und warf nun seinen Schatten auf zahlreiche umliegenden Parzellen, und die Buchstaben des Namens des Verstorbenen fielen einer nach dem anderen ab. Vincenezo Chiara wurde so zu Veno Cra, dem Geburt- und Todesdatum nach hatte er über tausend Jahre gelebt, und die Witwe Chiara hatte ihn vergessen.

Nun betrat ein neuer Kunde den Laden. Wieder wurde die Nadel auf das Grammophon gelegt, Puccini erklang. Irgendein alter Tenor sang mit starker Ausschmückung und weinerlichem Tremolo eine bekannte Arie. Seine Stimme drang erfolglos durch Anflüge von Knister- und Staubgeräuschen, und Frau Chiara wiederholte: „Sie sehen mir nicht aus wie ein Deutscher oder Portugiese?“ und reckte ihren Hals. Der Fremde konnte jetzt die gepflegte bläßliche Stirn mit den klaren Anzeichen erster Falten sehen, die hohen Backenknochen und die leicht eingefallenen Wangen, die über dem spitzen Kinn im Gesicht der Verkäuferin einen leicht rohen Ausdruck hervorriefen. Auch er kannte die berühmten Gebrüder Siepi oder die jahrhundertealte Tradition der Taranetlliwerkstatt im Norden Italiens nicht, so daß er am liebsten auf der Stelle vor den stahlblauen Augen, die sich wie zwei Eisseen auftaten, verschwunden wäre.

Aber einen Moment später änderte Frau Chiara ihren Gesichtsausdruck. Sie senkte vertraulich den Kopf, gab dem verirrten Käufer recht und wurde ein liebenswertes Wesen, das seine runden Hände und Brüste voller Säfte entdeckte. Sie bot sich ihm praktisch an, während sie ihren Rock hob, auf einen Sockel stieg und das Exponat herunterhob, dessen Lampen im selben Moment zu leuchten aufhörten.

Und dann war der Luster verkauft oder auch nicht. Danach blieben das Glöckchen und die Witwe wider allein.

Um sie herum strahlten Dutzende Lampen, und der müde Tenor begann eine neue Arie, die alten Cellisten begleiteten ihn auf ihren Instrumenten, während ein längst verstorbener Paukenschläger pessimistisch dumpf den Rhythmus schlug. Mario Cavaradossi verlor wieder den Kampf gegen die übermächtigen Nebengeräusche, und die Witwe saß auf der Kante eines der beiden Stahlrohrbetten, die in jedem ihrer Stirnhörner eine eingebaute Lampe hatten und ebenfalls im Lampengeschäft in der Via Nirone feilgeboten wurden. Um die Frau herum leuchteten Dutzende Lampen.

Sobald es dunkel wurde, machte sie an allen ausgestellten Gegenständen kleine Lichter an. Sie erleuchtete die beiden Betten (eines war mit Baldachin, eines ohne), die kleinen Schirme der kubistischen Lampen begannen zu leben. In den Glühbirnen der meisten Luster des Ladens mit der Hausnummer 21 zündeten die Funken, und der Laden war sofort hell erleuchtet wie ein Photographenatelier oder die Metallkomposition eines schnellen Intercityzugs. Messing, Bakelit und falsches Gold erstrahlten. Frau Chiara stellte die Aufschrift „lampade ultimissime“ in die Auslage und setzte sich müde auf eines ihrer illuminierten Betten. Der erste Schlaf überkam sie für gewöhnlich bei Anbruch der Dunkelheit, aber wenn sie die Krise der Dämmerung überwunden hatte, brauchte sie praktisch die ganze Nacht lang nicht mehr zu schlafen.
In dieser Hinsicht war sie Herrn Ravanelli ähnlich, aber der führte ein ganz anderes Leben. Er war Designer in einer großen Firma für Küchengeräte, einer von vielen, die in den hinteren Räumen neue Linien von Teekesseln, Espressokesselchen, Wasserhähnen und Duschkabinen entwarfen; er war derjenige, der den Slogans „l’acqua é servita“ oder „equilibrissimi quotidiani“ eine Basis verlieh. Von ihm und seinen Kollegen wurde viel verlangt, immer Neues, Schockierendes, Attraktives, dabei waren sie schlecht bezahlt. Herr Ravanelii unterschied sich kaum von den anderen. Er war der Typ Mann, der Züge eines Männchens mit den Eigentschaften eines Kindes in sich verband. Ein Muttersöhnchen. Vielleicht war er zu lange gestreichelt worden, hatte sich daran gewöhnt, daß ihm jemand in der Badewanne den Rücken wusch oder half, seine Hausschuhe zu finden. Schon seit Jahren lebte er allein an der Peripherie der großen Stadt. Ein in die Jahre geratenenr Dackel leistete ihm Gesellschaft, war aber auf jeden Fall ein schlechter Tausch für Mama Ravanelli. Sein Hund Dino war vierzehn Jahre alt und sehr kränklich. Er fütterte ihn mit besseren Fleischstückchen, unter die er Antibiotikapulver und antirheumatische Sedativa mischte. Bei seinen wenigen Freunden beklagte er sich, daß ihm der Dackel nicht einmal mehr die Hausschuhe bringen konnte, und trotzdem wollte er sich nicht von ihm trennen. Dino schwieg, bellte nicht und fragte nach nichts mehr. Er war fast Taub, sommers wie winters trug er ein Strickwams und wußte nichts vom geheimem Leben des Herrn Ravanelli.

Und dieser kam und ging. Jahrelang hatte er die Frau seines Lebens gesucht, hatte sie aber nicht gefunden. Wenn das Muttersöhnchen zufrieden war, trotzte das Männchen in Herrn Ravanelli. Wenn es dem Männchen in der Hose eng wurde und er schnellen Schrittes ein Frauchen zu verfolgen begann, die allzu stolz mit den Hüften wackelte, verspürte das Muttersöhnchen Gewissensbisse. Deswegen war der Designer zum Junggesellendasein verdammt. Deshalb bog und krümmte er, ebenfalls unbewußt, als würde er einen weiblichen Körper malen, die Linien der Teekannen und Weingläser in seinen Entwürfen und zählte hauptsächlich Prostituierte zu seinen Freundinnen. Er war viel zu stolz und vorsichtig, um sie auf der Piazza Castello oder in der Via Aurelio in sein Auto zu holen. Aber dafür war er der Liebling verschiedener „Schneidersalons“, in denen statt der Modelle feine Prostituierte posierten; er besuchte auch Häuser, in denen die Mütter ein Dutzend naschhafter Töchter „besaßen“, die nicht die geringste Ähnlichkeit miteinander hatten.

Er liebte es, zumindest halbe Stunden lang dünnbeinige und knochige Mannequins zu besitzen, die sich ihre perfekte Schlangenfigur dadurch erhielten, daß sie bis zu fünf Liter Wasser am Tag tranken. Er wollte sie, weil sie sich tagsüber unerreichbar in ihren neuen Modellen aus Federn mit idiotischen Hüten auf dem Kopf irgendwo oben auf einem strahlend erleuchteten Laufsteg befanden. Er wußte nicht, warum manche mondäne Püppchen zwei Gesichter hatten, warum sie tagsüber ihren verrückten Kreatoren zulächelten und applaudierten, die blöde lächelnd wie Papa Sileni auftraten und sich nachts irgendeinem unbekannten Herrn Ravanelli für hunderrausend Lire verkauften. Hatten sie denn nicht genug Geld? Oder waren sie der Öffentlichkeit, des Glanzes, der Blitze der Fotoapparate, der Titelseiten überdrüssig und hatten das Bedrüfnis, in der Dunkelheit unter unbekannten Männern zu stöhnen.

Vielleicht war es gerade das. Wenn sie von alledem genug hatten und sie die unbequemen Modellkleider ausgezogen hatten, in denen sie ja nicht auf die Straße gehen durften, wurden sie zu überaus freizügigen Assistentinnen in den Maniküresalons. Er wählte eine Nummer, die ihm im Vertrauen gegeben worden war, drückte die Knöpfe im alten französischen Lift in der Drahtumzäunung, und einen Moment später entblößten sie sich vor ihm und machten all die phantastischen Dinge, die er sich kaum auszudenken wagte. Er begriff in diesen Stunden nicht, daß auch er sein Tag- und sein Nachtgesicht hatte. Abends bot Herr Ravanelii zerknüllte Geldscheine, kaufte ein gut erhaltenes Exemplar weiblichen Körpers und benahm sich, als würde er es nimand anderem überlassen.

Tagsüber war er anders. Da war er einer jener Werbezeichner, die die Leuchtreklamen der großen Häuser, in denen sie arbeiteten, von der Rückseite sahen. Während er, unsichtbar und unbemerkt, daran arbeitete, daß der Firmenname durch die Reklame so bekannt wie möglich wurde, hörte er das eintönige Brummen der Trafos der grünen und roten Neonröhren.

Die Firma, in der er arbeitete, hieß nach dem Eigentümer „Serafino Zani“, einem Onkelchen aus Padua, das er nie gesehen hatte. Wenn er einen Auftrag und keine Idee hatte, starrte er stundenlang auf den Reklameschriftzug, lauschte dem eintönigen elektronischen Summen und sah, wie in Buchstabe nach dem anderen anging: Serafino Zani. Auf seinem Tisch standen Modelle und Entwürfe – eine achteckige Tellerkollektion, Teekannen im russischen Stil, eine neue Pfannengeneration mit Teflonbeschichtung und Espressogeräte in vier Nuancen. Auf ihnen stand: a verde, a viola, a blu, a senape...

Und irgendwo hinter seinem Rücken verging das Leben der Seitenstraßen, der Gärten und der unverputzten hinteren Stadtzeile; unfrisierte Bäume, unter denen man den Geruch von Hundeurin zur Territoriumsmarkierung spürte. Durch das Fenster einer Wohnung sah er, wie ein hageres Ehepaar Gabeln drehte und Spaghetti aufwickelte. Sie aßen schwigend, mit gesenkten Köpfen, der Mann schenkte Rotwein ein und trank das Glas auf einen Sitz aus, als wäre es Wasser. Im Haus daneben, das auf eine ganz andere Straße hinausgeht, war jemand am Streiten. Der Mann kam auf die Terrasse heraus, griff sich mit den Händen in das bißchen Haar über den Ohren und fluchte etwas Unverständliches; die Frau warf seine Schreibmaschine aus dem Fenster.

Er sah das alles und fragte sich, wie er es schaffte, diese uneinheitlichen Stimmen, die ihn umgaben, in elegante Linien, leicht gerippte Metalle und schlanke Henkel aus schwarzem Plastik umzusetzen – also in Produkte, die später im Ausland den Ruf vom Glanz des italienischen Industriedesigns verbreiten würden. Er wußte es nicht , und zeichnete trotzdem: a verde, a viola, a blu, a senape. Einer nach dem anderen begannen die Buchstaben zu leuchten: Serafino Zani.

Nur in der Abenddämmerung holte ihn der Schlaf ein, aber wenn er die Krise in der Dämmerung überwunden hatte, konnte er praktisch die ganze Nacht nicht mehr schlafen. In der Hinsicht war er Frau Chiara ähnlich.

Frau Chiara und Herr Ravanelii hatten sich zufällig kennengelernt. Nein, er war nicht in ihr Geschäft gekommen, um Luster aus Muranoglas zu kaufen. Er bearbeitete sie täglich in seinen Entwürfen, so daß sie ihm ekelhaft geworden waren, so wie alle anderen Haushaltsgegenstände. Sie hatte ihn also nicht mit der Bemerkung beehrt, er sähe aus wie ein Deutscher oder Portugiese. Sie lernten sich auf der Feier der Freundin der Freundin einer Freundin kennen. Sie standen etwas abseits und wurden Zeuge, wie das leise Gespräch von Dutzend Menschen zu einem unerträglichen ohrenbetäubenden Lärm anschwoll. Herr Ravanelli war Nichtraucher, und die Witwe klagte, daß der Raum raucherfüllt sein und eine amerikanische Enquete besage...

So hatten sie sich kennengelernt. Sie hatten die Telefonnummer ausgetauscht, und dann war Herr Ravanelli gegangen. Schon an der Tür hatte er die Dame vergessen, die der Zigarettenrauch störte, in der Folge besuchte er wochenlang seine Tänzerinnen und Stripteasemächen, und dann fand er zufällig den Zettel mit ihrer Nummer. Zuerst wußte er nicht, wann er die Nummer aufgeschrieben hatte und wem sie gehörte, so daß er zögernd die Wählscheibe drehte, in der Erwartung, daß sich am anderen Ende eine Agentur für gebildete Begleitdamen meldete oder eine erfundener Firseurladen. Aber dem war nicht so.

Er hatte den Anschluß des Geschäfts in der Via Nirone bekommen, und sofort, als er sich vorstellte, erinnerte sich Frau Chiara an ihn. Sie lud ihn ein auf einen Tee, den sie nach Geschäftsschluß auf einem ihrer illuminierten Betten servierte (auf dem mit dem leuchtenden Baldachin). Herr Ravanelli bemerkte sofort, daß ihre Tassen Antik waren, vielleicht vor zwanzig Jahren hergestellt, sagte aber nichts. Er lächelte bedrückt wie ein Unschuldslamm. Es war ihm etwas unangenehm, weil Menschen vorbeigingen, die Exponate in der Auslage betrachteten und kurze Blick auch auf sie warfen. Manche beobachteten sie auch länger, als wollten sie fragen: „Gibt es noch Tee für einen Dritten, oder ist es nur Tea for two?“

Sie sprachen vorsichtig, wie Hunde, die einander umschleichen und sich gegenseitig beschnüffeln:
- Zwei Löffel Zucker. Oh, Sie trinken ihn aber stark gesüßt...
- Io non sono di quella specie che…
- Aber Sie werden zugeben daß kleine Angewohnheiten wie eine Unterschrift sind. Wir wissen nicht, warum wir eine große Schlaufe schreiben oder ein Doppel- „l“ zusammenziehen, aber in Wirklichkeit haben wir einen triftigen Grund dafür.
- Das Leben verteilt Ohrfeigen. Es knallt dir auf die eine Backe, und während du noch die andere hinhältst, hat es dich schon wieder geohrfeigt...
- Wissen Sie, meine Nachbarn waren fünfzehn Jahre verheiratet, und dann...
Herrn Ravanelli gelang es nicht, etwas über die Vergangenheit der Besitzerin des Ladens in der Via Nirone in Erfahrung zu bringen. Er fragte sich, für wen sie bei den letzten Parlamentswahlen gestimmt hatte, und kam sich so dumm vor. Sie suchte inzwischen Spuren anderer Frauen an ihm. Von Zeit zu Zeit glättete sie, vielleicht zu vertraulich, die Falten auf seinem Revers und untersuchte eilig, ob nicht ein Haar an ihren Fingern geblieben war. Etwas später knöpfte Herr Ravanelli sein Sakko auf, und sie bemerkte, daß sein Hemd nur an den sichtbaren Stellen ordentlich gebügelt war. Das ermutigte sie, und sie setzten das Gespräch fort.

Irgendwann vor Mitternacht, als er sich bereits sicher war, daß seine Gesprächspartnerin in ihm nur einen leisen Widerwillen erwckte, ähnlich einem schmeckenden, aber ungewürzten Essen, beschloß er zu gehen. Aber in der Moment schüttete er sich mit dem Rest des Tees an. Der „Earl Gray“ mit Milch hinterließ einen dunklen Fleck auf seinem Hemd, und die Witwe sprang im selben Moment auf, um ihm zu helfen. Sie zog ihm das Sakko aus, knöpfte sin Hemd auf und streute ein dickes Häufchen Puder auf den Fleck. Sie tat es hastig, über ihn gebeugt, und Herr Ravanelli konnte ihre Körperdüfte riechen, die ihn erregten. „Genau wie bei den Hunden“, dachte er und beschloß, noch ein weinig zu bleiben.

Auch an den folgenden Abenden erwartete der mit Dutzenden Lampen stark erhellte Laden „Lux“ einen Besucher, der sich nicht für Luster aus dunkelblauem Glas interessierte. Die Nadel wurde auf das Grammophon gesenkt, es wurde Tee für zwei getrunken, bis in einem Moment Frau Chiara vorschlug, so ganz nebenbei, daß sie sich das nächste Mal am selben Ort treffen sollten, nur weit nach Mitternacht. „In den frühen Stunden“, sagte sie, läßt der Puls der Stadt nach, die Spaziergänger verschwinden von den Straßen und die Nachttemperatur beginnt zu sinken, als würde die Metropole sterben...“

Er wußte genau, was diese Poesie bedeutete. Er kannte noch viel schlauere Fräuleins. Er sagte darauf ein „ja, sicher“, als hätte er nicht vor zu kommen, und damit auch sie das sofort verstand, falls sie noch Jungfrau und in der Seele ein einfaches Mädchen war.

Aber er kam in der nächsten Nacht, und sofort begannen sie sich zu umarmen, noch in der Auslage. Herr Ravanelli blickte sich kurz um, weil er unerwünschte nächtliche Besucher fürchtete, aber dann erkannte er, daß Frau Chiara der mütterlich Typ einer leichten Frau war, genau die zuverlässige Kokette, auf die er so lange Jahre gewartet hatte. Eine Zeit lang störten ihn die Lichter noch und dieses Entkleiden vor den Augen der menschenleeren Straße, während er von allen Seiten angeleuchtet wurde, wie ein Braten auf einem Silberteller. Aber in dem Moment, als er die reizenden Pobacken und mütterlichen Brüste der Witwe sah, beschloß das Männchen in ihm, es diesmal vor den Augen aller zu machen.

Nervös legte er die Krawatte ab und begann hastig, die Knöpfe aufzumachen, als er ihre Hand in seiner Hose spürte. Sein warmes Glied begann in ihrer Faust zu pulsieren, sie bewegten sich schnell und wanden sich in ihren Umarmungen auf einem der feierlich erleuchteten Betten. In dem Moment, als er am Höhepunkt des Genusses war, dachte Herr Ravanelli einen Augenblick lang, daß die Szene zwischen ihnen eine attraktive Gelegenheit für einen verirrten Paparazzo sein mußte, der, von Schlaflosigkeit gequält, immer seinen Giftapparat bereithält.

Er hielt inne, aber es war schon zu spät. Frau Chiara schluchzte unter ihm. Ihren glänzenden Hals hatte sie wie eine Lampe in einer glitzernden Krümmung verdreht, und ihre schlanken Beine hatte sie um seine geschlungen. Auch er selbst wimmerte kurz auf wie ein Schuldiger. Ängstlich drehte er sich um und sah zur Auslage. Er erwartete eine größere Ansammlung müßiger Voyeure, Straßenkehrer und aller möglicher Perverser, mit deren Blicken und hungrigen Augen er konfrontiert sein würde. Würden sie ihm zulächeln und den Daumen als Zeichen der Solidarität in die Höhe recken? Vielleicht würden sie applaudieren. Oder pfeifen? Er könnte die Schmach nicht ertragen. Er blickte hastig hin und sah, daß niemand da war. Nur die Hohlheit der Nacht warf, wie ein von der Schnecke längst verlassenes Haus, neue Kubikmeter Dunkelheit und Einsamkeit in den Raum... Trotzdem griff er nach seinen Sachen, aber seine Geliebte hielt ihn zurück.

- Da ist niemand, Liebster – sagte sie mit der Stimme einer Frau, die seit Jahrzehnten mit ihm verheiratet war, als hätten sie im Halbdunkel des Zimmers gerade die Kinder hingelegt und ein wenig Zeit für einander gefunden... Diese Vertrautheit ärgerte ihn, aber auch ein Zuchthengst, der für hunderttausend Lire bumst, hätte verstanden, daß seine Partnerin für diesen Abend nicht gleich abkühlt, wenn das Paaren beendet ist, daß ihre Libido sich nicht gleich mit einem roten Schalter abstellen läßst. Deswegen legte er sich schweigend neben sie und betrachtete die vielen Lampen. Dann wiederholten sie, ausgestellt wie verrückte Puppen in den Kaufhausauslagen, das gewagte Liebesspiel.

- Du warst fantastisch – sagte Frau Chiara später zu ihm, und er sah sich wieder um. Er kam sich vor wie ein Kaninchen in einem schrecklichen Versuchslabor. Hinter dem falschen Glas, durch das er nur die Nacht und die nasse Straße sah, standen in Wirklichkeit Doktoren und Universitätsprofessoren, die seine Meerschweinchenreaktionen untersuchten, während er dumm durch das Glas sah, armselig überzeugt, daß da niemand war.

Er verspürte einen bitteren Geschmack im Mund und zog sich schnell an. Der Puls der Stadt begann tatsächlich schneller zu schlagen, und Herr Ravanelii überquerte schnellen Schrittes den Platz neben dem Schloß Sforcesco und bestieg einen der ersten Morgenbusse. Er setzte sich auf die rückwärtige Bank und dachte bei sich, daß er nicht wiederkommen würde. Was dachte sich diese Witwe, daß sie eine femme fatale war? Schließlich schrieb man das Jahr 1953, und es war leichter, zwei-, dreihunderttausend Lire zu bezahlen und in Ruhe ein Mädchen zu bekommen, das in der Stille der Nebenräume bereit war, alles zu tun. Schöner waren die falschen Verführerinnen, Schmeichlerinnen und Schauspielerinnen mit Lebenserfahrung als diese echten Frauen, die ihn auf eine Bühne schleiften und ihn zwangen, sie wie in einer Porno-Bar zu lieben.

Trotz dieser Gedanken kehrte er an seinem Zeichentisch den ganzen Tag über zur vergangenen Nacht im Lampengeschäft zurück. Er konnte den Schimmer der dünnen Haut der Signora nicht vergessen, die gut erhaltenen Rundungen der kaum alt zu nennenden Frau, die die Unvorsichtigen in einem Käfig gefangen hält, weil sie sie nur so halten kann, da der Verfall ihres gepflegten Körpers bereits deutlich eingesetzt hat. So auch diese verbotene Liebe, die den Geschmack der Unzucht, aber auch den Reiz einer ernsten Verbindung hatte. All das konnte er nicht aus seinen Gedanken vertreiben, so daß er nach beendeter Arbeit ein kurzes Schläfchen machte und sich zu später Stunde wieder vor dem Geschäft „Lux“ einfand.

Sie erwartete ihn mit Spitzenhandschuhen und lüsternen Strümpfen (mit Lykra?); unter den Falten des weichen Kleides – er würde es bald erfahren – verbarg sich Unterwäsche, die Bankangestellte und unausgeschlafene Handelsgehilfen verrückt machen konnte. Eine Weile saßen sie schweigend da, und Frau Chiara beobachtete ihn wie eine Mutter. Dann zog sie wortlos ihren schlanken Fuß aus dem Schuh und legte ihn ihm zwischen die Beine. Während sie mit den Zehen die Knöpfe seiner Hose suchte, fühlte Herr Ravanelli eine starke Erregung in der Brust. Der enge Kragen störte ihn, so daß er nervös den obersten Knopf aufriß. Und dann ging alles von vorn los. Zwei nachte Körper, ein alter Tenor.

Dutzende Glühbirnen, die die Liebenden der Nacht der warmen Nacht preisgaben. Die Angst vor verirrten Passanten, vor Liebhabern des Asphalts, die ihn erkennen könnten. Aber trotz alledem ein Verhältnis, warm und eruptiv. Herr Ravanelli entspannte sich schließlich doch. Er spazierte nacht durch das Geschäft der Frau Chiara, legte neue Platten auf und nahm sie wieder in die Arme.

Und wieder alles von vorn. Zwei nackte Körper, ein alter Tenor.

Irgendwann vor Morgengrauen, als sie bereits dabei waren, das unanständige nächtliche Spiel zu beenden, blieb ein älterer Herr mit grauem Schnurrbart vor dem Geschäft stehen. Er hatte ein zerfurchtes, aber wie es schien glattes Gesicht, wie ein ehemaliger Sportler und sah ihnen aufmerksam zu, ohne jeglichen Gesichtsausdruck. Er beobachtete das Sichwinden, hörte das Gestöhne von drinnen, aber seine Augen blieben ruhig, wie die eines Sizilianers, der lediglich in die große Stadt gekommen ist, um ein Geschäft abzuschließen. Er sah Herrn Ravanelli, in Schweiß gebadet, beobachtete aber eingentlich Frau Chiara. Einige lange Minuten blieb er regungslos stehen, dann ging er weiter.

Niemand hatte ihn bemerkt.

Bald darauf verabschiedete sich Herr Ravanelli von der Witwe. Vor Morgengrauen schlief er ein wenig und ging dann zur Arbeit, erschöpft und zufrieden. Den ganzen Morgen hindurch war sein Kopf ein wahrer Phantasien-Garten. Er überließ sich einer Frechheit und Naschhaftigkeit, die er bis dahin nicht gekannt hatte. In der Mittagspause beschloß er, zu ihr zu gehen. Er würde sich als gewöhnlicher Käufer vorstellen, dachte er, und ihrem verwunderten Gesicht zuzwinkern. Im weißen Mantel, den er wie ein Voyeur mit nur zwei Knöpfen geschlossen hatte, hastete er durch die Seitenstraßen, die sich in Richtung Corso Garibaldi wanden.

Aber als er ankam, wurde ihm fast schlecht. Seine Beine fühlten sich gläsern an, so daß er sich an einem Kandelaber festhalten mußte, um nicht umzufallen. Das Geschäft „Lux“ gab es nicht mehr. In Nummer 21 der Via Nirone befand sich ein anderes Geschäft mit einem beängstigend andersgearteten Zweck. Unter dem Schriftzug „Concordia“ konnte er in der Auslage Särge stehen sehen. Manche waren rötlich, andere tiefschwarz, aber alle waren lackiert und glänzten wie die Haut seiner verschwundenen Geliebten.

Er konnte es nicht begreifen, wollte es nicht glauben, aber er versuchte, sich zu beruhigen. Vielleicht hatte er ja die Straße verwechselt, alle Mailänder Gassen waren einander so ähnlich. Er benahm sich wie ein Kind, böse auf sich selbst, so wie ein Junge, den ein unbekannter Anblick erschreckt hatte. Särge, na und! Manche brauchen auch das, jeder wird schließlich einmal einen brauchen. Sicher hatte er nur die Straße verfehlt und war auf eine ähnliche Auslage gestoßen. Er ging weiter, noch immer völlig verstört, um ein Schild mit dem Straßennamen zu finden. Eine Biegung und dann noch eine. Einige scharfe Kurven, die die Straße praktisch ermüdeten, ihr aber trotzdem erlaubten, nach der Kreuzung mit neuen Hausnummern weiterzuverlaufen. Schließlich fand er ein Schild, auf dem stand: Via Nirone.

Er lief zurück und blieb noch einmal stehen. Die Liegen für die Verstorbenen waren luxuriös ausgearbeitet. An den Seiten waren Schnitzereien in Form von Friedhofsblumen, auf den reich geschmückten Deckeln waren Fenster aus blauem Glas. Innen rosa oder purpurfarbene Seide, Bänder aus Kreppgeorgette und die Seiten mit Satin ausgeschlagen. Alles prunkvoll, alles so sinnlos. Viel zu gutes Futter für die Fäulnis der Erde und die blinden Würmer.

Er wollte sich umdrehen und davonlaufen, aber er bleib wie gelähmt vor der Auslage des Hauses „Concordia“ stehen. Er starrte in die Tiefe des Geschäfts. An der Stelle, an der er vor einigen Stunden mit Frau Chiara Liebe gemacht hatte, waren nun Totenschreine in Form länglicher Diamanten an die Wand gelehnt. Manche konnten, wie bei einem widerlichen Totenkabriolet, beim Kopf des Verstorbenen geöffnet werden. Für diejenigen, die nichts mehr fühlen und niemanden mehr auf dieser Welt kennen, war alles mit größter Sorgfalt vorbereitet. Er bemerkte sogar kleine Seidenpolster mit gesäumten Enden, so daß ihn Übelkeit überkam.

Er wollte nicht hineingehen. Er wehrte und sträubte sich wie ein kleiner Junge, den man zwingt, ins Bett zu gehen, aber seine Beine führten ihn hinein. Vielleicht dachte er, er wäre verrückt geworden und wollte eine endgültige Bestätigung, wie ein kranker, der sich selbst zwingt, den Befund der Spezialisten anzuhören. Die Glocke an der Tür klingelte, und er betrat das Geschägt, das nach frisch gezimmertem und lackiertem Holz roch. Nicht ein Winkel ähnelte mehr dem Geschäft „Lux“. Er wollte buchstäblich zu weinen beginnen, aber dann stand plötzlich ein ältere Herr mit weißem Schnurrbart vor ihm. Er bemerkte sein zerfurchtes, doch glattes Gesicht, „wie bei einem alten Sportler“, dachte er, während der Mann vor ihm einen fragenden Gesichtsausdruck machte.

- Ist es ein Verstorbener oder eine Verstorbene? – fragte er in der feierlichen Stille mit der Stimme eines Professionellen, der seine Stimme und seinen Ton schon an vielen ihn aufsuchenden Trauerfamilien erprobt hatte. Herr Ravanelli schwieg. Der Sarghändler bemerkte den Schmerz in seinem Gesicht und wartete mitfühlend auf die Antwort. Aber sein Kunde rieb sich die mit Schweiß benetzte Stirn und blickte umher wie ein Unwissender aus einer anderen Geschichte, die diese durch einen blinden und morbiden Zufall gekreuzt hatte.

- Verzeihen Sie – sagte der Leichenbestatter erneut – ist ihr Verwandter, ich meine, Ihre Verwandte jung verstorben? Vielleicht interessieren Sie sich für diese schlanken Särge aus guter Eiche? Mein Herr, das ist erstklassige Ware für eine Beisetzung mit Musik und einer Vielzahl wichtiger Redner. Auch im traurigsten Moment ist es nicht unwichtig sich vorzustellen...

Und er redete und redete, bis Herr Ravenelli einen Blick über seine Schulter warf. Wortlos ging er um ihn herum und kam zu der Ecke, wo sich das Grammophon mit der Belcantosammlung befand. Das war der Beweis, den er gesucht hatte. Er hatte also keine narkotischen Träume im Nebenzimmer irgendeiner Prostituierten gehabt. Auf diesem Grammophon hatte er in der vergangen gemeinsamen Nacht völlig nackt Platten gewechselt!

Er sprang auf den Händler zu und packte ihn am Hals. Er schüttelte seinen alten Kopf. Die langen Strähnen des weißen Haares, die von einem Ende des Kopfes zum anderen gelegt waren, damit man die Glatze auf seinem Haupt nicht sah, waren jetzt auseinendergefallen, und er stand nun traurig zerzaust und unansehnlich da. Trotzdem veränderte sich der Gesichtsausdruck nicht, auch nicht, als Herr Ravanelli schrie:

- Wer sind Sie? Reden Sie schon, wer sind Sie, wo ist Frau Chiara? Sagen Sie, wie Sie es geschafft haben, sie so schnell um die Ecke zu bringen und ihr Geschäft umzubauen? Haben Sie angestrengt bis zum Morgen gearbeitet und ihre Leiche im Wald hinter der Stadt vergraben? Und haben Sie ihr auch so einen feinen Sarg für Beerdigungen erster Klasse angeboten, oder haben Sie ihr nur einen Stein auf den Schoß gelegt? Nun reden Sie schon!

Aber das Männchen blieb stumm. Als wäre es überrascht, ertappt, oder auch nicht. Als hätte es den Kavalier der Signora schon den ganzen Morgen erwartet, füsterte es nun in ruhigem Ton:
- Signore, Sie täuschen sich. Ich kenne keine Frau Chiara. Hier war nie das Geschäft, von dem Sie sprechen, aber die Carabinieri sind in der Nähe. Ich werde rufen, wenn Sie mich nicht loslassen.
Und Herr Ravanelli lockerte den Griff. Er setzte sich auf einen weggeschobenen Stuhl, umgeben von all den Kränzen mit roten Schleifen und Tränen in Plastikhüllen. Einige von ihnen schienen schon verkauft zu sein. Auf einem stand „Unserer lieben Tante, von Pietro und Anna“. Der Verkäufer und sein ihm nicht bestimmter Kunde zupften in der Stille ihre Anzüge zurecht. Der Sarghändler zog die Krawatte gerade, richtete die Nadel mit dem lila Stein und kämmte sich das Haar. Jetzt war er wieder der alt gewordene Sportler. Man hätte kaum bemerkt, daß er eine Glatze hatte.

Herr Ravanelli stopfte sinen schwarzen Rollkragenpullover in die Jeans, knöpfte das Vichy-Sakko und den Mantel ordentlich zu und ging schweigend auf die Tür zu. Aber als die Glocke noch einmal zu läuten begann, drehte er sich um und rief:
- Und das Grammophon, Alter, das Grammophon, vecchio? Das ist dir auch von der verstorbenen Tante geblieben? Und die Platten mit Puccinis Arien hast du auch von deiner Schwester oder Cousine?
- Ja, mein Herr – hörte er die ruhige Stimme – das Grammophon ist Eigentum unserer Familie. Ich habe es schon lange im Geschäft. In der Tat genieße ich es, leichten Passagen aus Brahmssymphonien zu lauschen und auch Choping Trauermasch...

Was dieser Schwindler anschließend noch daherredete, hörte Herr Ravanelli nicht. Er schlug die Tür des Hauses „Concordia“ so laut zu, daß die Tafel mit den Öffnungszeiten auf den Boden knallte. Noch am selben Tag beschloß er, eine kleine Untersuchung zu machen. In der Firma nahm er Urlaub und fing an, sich in der Umgebung der Via Nirone herumzutreiben. Heimlich beobachtete er auch den Alten im Sarggeschäft. Er dachte, die Farce würde ihr Ende finden, sobald er sich nur umdrehte, denn alles war ohne jeden Zweifel nur seinetwegen so arrangiert worden. Aber der Händler ging in seinem Laden auf und ab, stellte seine lackierten Särge um und ging auch tatsächlich zu Grammophon und legte die Nadel auf eine Platte. Hätte er sich getraut hineinzugehen, hätte Herr Ravanelli gehört, daß da drinnen tatsächlich das andante semplice aus Brahms’ dritter Symphonie und Teile des Deutschen Requiems zu hören waren.

Aber er traute sich nicht hineinzugehen, sondern hielt in den umliegenden Straßen der Fleischgehilfen in ihren weißen, blutbespritzten Mänteln auf. Sie trugen schlaffe Rinderviertel über die Shultern geworfen, un er fragte sie immer wieder nach ihrer Nachbarin und störte sie offensichtlich bei der Arbeit. Sie wußten nichts, hatten nichts gesehen, und er glaubte, daß sie nicht reden durften. Sie erklärten ihm, sie hätten um sechs in der Früh mit der Arbeit begonnen und zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches bemerkt. Nein, sie hätten nichts von einem Geschäft „Lux“ gehört. Ihnen kam es so vor, als hätte das Geschäft in Nummer 21 nicht mit Särgen gehandelt, aber vielleicht doch; was wußten sie denn.

Er streunte durch die Nebenstraßen, vorbei an kleinen Lastwagen, die mit Südfrüchten beladen waren, vorbei an kleinen Plastikspielzeugwerkstätten, vorbei an irgendwelchen Alten, die betrunken mit einer Falsche in der Hand an ihm vorbeischwankten. Verkäufer von Metallwerkzeug und Kupferrohren erinnerten sich an Frau Chiara, hatten sie aber schon seit Wochen nicht mehr gesehen; Pökelfleichhändler spazierten in ihren Gummistiefeln und Regenanzügen umher und taten so, als verstünden sie kein Italienisch, die Tabakverkäuferin sagte, sie hatte sie gesehen, wüßte aber nicht wo, und ihm kam es so vor, als wollte sie ihm nur helfen, weil er sympathisch war.

Als er aufstand, war alles beim alten. Jemand hatte professionell das Spiel der Straßen, die Herrn Ravanelli bekannt gewesen waren, durchgemischt, und er mußte nun wie ein Fremder in seiner eigenen Stadt Orte neu entdecken, wo er ausgehen oder etwas einkaufen konnte. Aber die größte Überraschung wartete noch auf ihn. Er beschloß, wieder arbeiten zu gehen, und erfuhr, daß er jetzt in der Firma „Zeffirino Grassi“ beschäftigt war und niht bei „Zerafino Zani“. Sein Tisch stand noch am selben Platz, aber auf ihm befanden sich Entwürfe von sechseckigen Tellern, Kannen im englischen Stil, Gefäßen aus feuerbeständigem Glas und Espressogeräten in ganz neuen Nuancen, an die er nicht einmal im Traum gedacht hatte.

Er wurde vorsichtig. Er wollte nicht, daß man ihn in ein Irrenhaus steckte, deswegen begann er zu lernen. Die Gesichter seiner Kollegen waren dieselben, aber ihre Namen hatten sich geändert. Geschickt führte er Gespräche und bemühte sich, zu erfahren, wie sie einander nannten, und dann sah er mit großer Verwunderung das Schildchen auf seinem Tisch. Darauf stand Giovanni Colombo. Seine Freunde nannte ihn „Gianni, mein Alter“ und die Kunden vertraulich „Herr Colombo“.

Er konnte nicht mehr. Er stand auf und tat so, als wäre nichts; er verabschiedete sich von allen mit dem alten Gruß, den sie seltsamerweise verstanden, und ging hinaus. Herr Ravanelli, alias Colombo, war Atheist, glaubte an seine Augen und an das, was er ertasten konnte. Noch nie hatten ihn Magie, Vorspiegelungen oder Aberglaube interessiert, und den alten Gott mit dem weißen Bart hatte er schon vergessen, als er als Kind aufgehört hatte in die Kirche zu gehen. Er war deshalb felsenfest davon überzeugt, daß es für die äußerst unangenehme Situation, in die er durch diesen unvorsichtigen Flirt in der Auslage des Beleuchtungsgeschäfts in der Via Nirone gekommen war, eine Erklärung gab.

In der Abenddämmerung erinnerte er sich. Er konnte sich niemandem anvertrauen, es hatte keinen Sinn, jemanden um Rat zu fragen. Er fand heraus, daß alle Menschen, ganze Städte und Staaten, in Wirklichkeit nur an einem einzigen Tag in der Woche lebten. Sie nannten ihn Montag, Dienstag, Mittwoch und so weiter, bis Sonntag, aber das war eigentlich nur ein Freitag oder immer nur ein Montag. Er begriff schließlich, daß die Menschen nicht nur eine Nacht lang schliefen, sondern die ganze Woche hindurch un daß sie danach wieder an ihrem Mittwoch oder ihrem Sonntag aufwachten. Sie gaben ihm verschiedene Namen, aber das war in Wirklichkeit jener eine Tag, den sie ihr ganzes Leben lang leben, egal, ob sie populäre Quizmaster und Unterhalter oder unwichtige und unauffällige Fleischereigehilfen waren.

Mit ihm war, dachte er, etwas Merkwürdiges geschehen. Jene perversen Wachen, das Provozieren der Finsternis und Verschlafenheit der Metropole im Lampengeschäft in der Via Nirone, hatten bewirkt, daß er, und vielleicht auch sie, die Witwe Chiara, nicht die Welt gewechselt hatten – sondern den Tag. So waren sie über eine übersinnliche Vertikale, ohne Zweifel entlang der fünften Dimension, in neue Tage geworfen worden und würden einander nie wiedersehen. Ihnen hatte vielleicht der Mittwoch oder der Freitag gehört (ist denn diese Sophistik jetzt wichtig?), bevor sie unvorsichtig an den Knoten der Zeit gerührt hatten. Bei Anbruch jenes fatalen Morgens war tatsächlich das perfekte Verbrechen geschehen, weil nicht viele Menschen darin verwickelt waren. Frau Chiara war vielleicht in den Dienstag gerutscht und befand sich dort bereits im Irrenhaus, und er in den Donnerstag.

Er erhob sich von der Parkbank und begriff, daß er viel lernen mußte, wenn er nicht in dieser Welt des Donnerstags draufgehen wollte. Er sah seine Dokumente durch und erfuhr unter kaum hörbaren Seufzen, daß alle auf Herrn Colombo lauteten. Er betrat seine Wohnung und begann seinen alten Dackel mit verschiedenen ähnlichen Namen zu rufen. Er fand heraus, daß er nur um einen Wochentag verrutscht war und daß die Welt sich deswegen nicht sehr verändert haben konnte. Trotzdem war er überrascht, als er erfuhr, daß er ein Weibchen war und auf den Namen Gina hörte.

(Aus dem Serbischen von Ana Radulović und Klaus Detlef Olof)