Schwarze Hemden und Totenmarsch

Fünfte Mimikry In der Manier von Danilo Kiš

Hommage ā André Malraux

HAMMER UND ZIRKEL

im Gegensatz zu der gotischen Erzählung, die sich immer noch den Abbé Prévost zum Vorbild nimmt, und sich auf die geheimnisvollen dunklen Verwicklungen in den Fluren der verlassenen Schlösser konzentriert, könnte die Geschichte, die gerade das Licht der Welt erblickt, mit dem Panorama eines Landes beginnen, das es nicht mehr gibt – die Deutsche Demokratische Republik. Das Relief der Norddeutschen Tiefebene, man könnte es in der Sprache der Mineralogen und der zuverlässigen Landvermesser auch so sagen, zeichnet sich durch glaziale Vertiefungen in Richtung Nord-West, durch die teilweise die größten Flüsse der DDR fließen, aus, sowie durch Moränenhöhen und viele Seen, die besonders in Mäcklenburg und Brandenburg in großer Zahl vorhanden sind. Das vergrößerte Bild würde uns auf zahlreiche Städte seltsamer Orthographie hinweisen und auf die Zugänge zu Eisenhüttenstadt, Gröditz, Karl-Marx-Stadt, Warnemunde, Gölzano, Lützkendorf oder Schönbecke bringen; und noch näher, bis vor das Tor des Fischereibetriebes in Saßnitz, in die Zementfabriken in Rüdersdorf, die Werke für die Herstellung von feuerfestem Glas in Meißen, auf die Sitzung der Hafengewerkschaft im Hafen Marinchen, oder auf die Hopfen- und Rapsfelder im Tal des Flusses Werra. Die nächste Totalaufnahme würde in diese Geschichte Fabrikschornsteine, hunderte von kleinen Plastikautos, eine Morgendämmerung und die Stimmen der sich verspätenden Arbeiter einführen, und auch die Vorsicht, die sich in dem Land, in dem Spione von Spähern und Zuträger von Spitzeln verfolgt werden, in jedem Wort verbirgt. Irgendwo da, um die erste Ecke einer verwundeten Stadt, deren Mauer sieben Tage schweigsamen Ganges nicht niederreißen können, lernen wir auch den Helden unserer Geschichte kennen. Sein Name ist Lutz Kronberger und er ist ebenso wirklich wie unwirklich. Es wäre falsch und zweifellos naiv zu denken, daß Kronberger, ein Meister für Persianerpelze und Muffe aus weißen Polarfuchsfellen, nicht existiert hätte. Jahrelang aß er in einem Restaurant in der Nähe der Pelzfabrik "Velt", meistens eine Doppelportion Eisbein mit Sauerkraut; danach zahlte er nach alter Gewohnheit eine Rechnung von 12 Mark; er trug einen dunkelblaunen gestreiften Anzug mit einem roten Abzeichen am Revers, was in seinem Land ohne Zweifel ein Statussymbol war; er fuhr einen "Mini-Trabant", und als jemandem, der mit Staatsgeheimnissen vertraut war, wurde ihm nahegelegt, verdächtige Individuen zu meiden, besonders jene, die von der anderen Seite der Mauer kamen (auch solche Warnungen waren ein Zeichen des Prestiges). Lutz Kronberger hat also wirklich gelebt. Trotzdem werden über seine Persönlichkeit aus jener Zeit mehr das Sauerkraut, das Abzeichen, auf dem die flatternden Fahnen des Oktobers dargestellt waren, und der „Mini-Trabant“ (gerade deshalb werden diese Merkmale auch angeführt) sprechen, als die Familie, die er nicht hatte, die Interessen, die er nicht pflegte, oder sein Aussehen, das er, da er immer denselben gestreiften Anzug trug, vernachlässigte. Als er dazu reif war, verleumdete er ein paar Schlachter und Privatkürschner und erwarb dadurch, auf die in seinem Land üblichste Weise, den Titel eines Meistergehilfen. Man nahm sehr schnell wahr, daß er schweigsam, fleißig und zurückgezogen, beinahe unschuldig war. Nicht lange danach wurde er in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands aufgenommen. In der Begründung des Beschlusses war sein fast makelloser Ursprung angeführt, die Tatsache, daß er unter den Arbeitern in seinem Betrieb sehr beliebt war, und schließlich seine ausgezeichnete Kenntnis von Erich Honneckers Werk. In diesem Augenblick steckt Lutz das rote Abzeichen an sein Revers. Der „chinesischen Sprache der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“, voller Verzierungen und Stilfiguren, wie irgendwelche kaiserlichen Erlässe aus den vorhergehenden Jahrhunderten, vertraut er sogar, wenn er sie nicht versteht. Er ist ein hartnäckiger Verfechter der Abgrenzung, sieht in Westdeutschland den „imperialistischen Wolf vor der Tür des einzigen deutschen sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates“, ist davon überzeugt, daß in Westberlin der Wunsch entstehen wird, die Mauer niederzureißen, bevor Ostberlin überhaupt auf einen solchen Gedanken kommt, er setzt sich für eine Liberalisierung „Tropf bei Tropf“ ein – doch trotz allem lernt er auch selbst die nietzscheische Teilung in eine apollinische und eine dionysische Hälfte kennen. Der schweigsame Bürger Kronberger schaltet nachts, wie viele seine Mitbürger, das Fernsehen ein und empfängt heimlich westliche Sender. Dann betrachtet er regungslos die Werbungen für Ketchup, Mayonnaise, neue Automobiltypen und verbringt auf diese Weise einige Stunden im Westen. Vielleicht gerade deshalb, und wahrscheinlich auch aufgrund der sklerotischen Vorgänge, die in Lutz Kronbergers Kopf schon vor längerer Zeit begonnen haben, trägt die Menschenmenge im Jahr als die Berliner Mauer fällt, auch ihn vor das Tor des satanischen Westens. In dem Augenblick empfindet das Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands keine Angst, nicht einmal Ungeduld. Er spürt eine unbestimmte Leere, die sich in seinem Inneren ausbreitet, als hätte jemand auch in seiner Brust mit einem Meißel einen Riß gespalten. Er geht über die Glienickerbrücke, die, vor kurzem noch, nur zum Austausch von Spionen diente, und befindet sich auf der westlichen Seite. Dort ist er noch träge, unsicher, und lehnt ein wenig verwirrt die hundert Deutsche Mark ab, welche Berliner Banken jedem neuen Überläufer schenken. Auf dem Kurfürstendamm betrachtet er die vielen bläulichen Rauchwolken, die seine Volksgenossen, indem sie ihre „Trabanten“ und „Wartburgs“ in Brand stecken, ihren kapitalistischen Brüdern schenken. Bald entschließt er sich, zurückzukehren, doch nicht lange danach stößt er mit einem Verdächtigen zusammen, der, allerdings, einem Sowchosnik, einem Landsmann, ähnelt. Aus der Manteltasche des Unbekannten fällt ein Buch; auf dem Einband leuchtet das Hackenkreuz. Der Fremde lächelt (wobei er das rote Abzeichen des Genossen Kronberger nicht sieht), als weckte das Buch zwischen ihnen eine unerwartete Innigkeit. Mit der Stimme eines schlechten Schauspielers spricht er schließlich; „Nimm, mein Bruder, es ist Zeit!“, und verschwindet in den Seitenstraßen des Kurfürstendammes.

KAMERADSCHAFTSABENDE

Obwohl weder ein Gesetz, noch ein Paragraph besteht, die dem allessehenden Erzähler verbieten würden, unerlaubt die Privatsphäre seines Helden zu verletzen, werden wir diesmal nicht in Lutz Kronbergers Seele hineinschauen, als wollten wir ein Glas Rotwein in einem Zug trinken. Wir sehen ihn, wie er nach einem Spaziergang entlang der noch vor kurzem verbotenen Straßen Westberlins durch ein beim Brandenburger Tor durchschlagenes Loch in den Ostteil zurückkehrt. In einer Hand trägt er ein von der Berliner Mauer abgefallenes Stück Beton, in der anderen »Mein Kampf« von Adolf Hitler. Aus dem Betonblock ragen immer noch Stahlstäbe wie gebrochene Knochen heraus; »Mein Kampf« ist wie die Bibel eingebunden, nur weist der Deckel statt eines Kreuzes eine Swastika auf, und auf den Innenseiten hat Gott nicht nur einen Namen, sondern auch ein Bild. Der Erzähler weiß also nicht, was Lutz Kronberger in dem Augenblick dachte, noch weniger, was er vorhatte. Er traf niemanden und vertraute sich niemandem an. Vor der Tür seines Hochhauses in der Rosa-Luxemburg-Straße 9, sah er auf den Stein und auf das Buch, als würde er sich überlegen, was er wegwerfen soll. Einen Augenblick später schleuderte er das Bruchstück der niedergerissenen Mauer auf die Feuerleiter, die einen metallenen Widerhall von sich gab, und verschwand im Eingang... Zwei Jahre später, im März 1991, sehen wir die Vorstadt Görlitz. In den ostdeutschen Blocks WBS 70 der ehemaligen Rosa-Luxemburg-Straße leben noch irgendwelche neuen Deutschen. Inmitten des entblößten Betons und der angsterregenden Schatten der Wolkenkratzer auf der Erde, befindet sich in einem Kellerraum der Jugendklub »Espe«. Hier versammelt Lutz Kronberger einmal wöchentlich an die Hundert von jungen Männern. In der Presse werden sie geschorene Köpfe, »Skinheads« genannt. Die verschwommenen grobkörnigen Zeitunsbilder zeigen in Leder angezogenene und hochbestiefelte Jugendliche; ihre Blicke sind roh, gleichgültig. Sie verachten den Schmerz, sowohl den fremden, als auch ihren eigenen. Die vom Aktivisten Kronberger organisierten Treffen werden »Kameradschaftsabende« genannt. Schon können wir den Redner vernehmen, wie er die immer dickeren Hintern der Westler beschimpft, fragt, wie lange noch die Lauen den Volksstaat wie eine Syphilis vergiften werden, wie er das Recht für den deutschen Nationalsozialismus fordert, behauptet, daß man den jüdischen Kreaturen endlich mal den Weg durch die Öfen weisen sollte, im Sinne des Ernst Röhm »Vorwärts« ruft und fragt: »Wer wird unser Führer sein!« Dieses morbide Spiel, das, wenn nicht eine Skizze zum Leben selbst, einer Burleske zu geschichtlichen Themen würdig wäre, beantwortet der Menschenhaufen mit »Sieg Heil« und dem Skandieren des Namens Lutz Kronberger. Eine gefährliche Mischung aus Nationalsozialismus und Scoutromantik hebt ihre Hände zum Gruß. Sie greifen nach Gaspistolen und heben ihre Baseballstöcke mit wilden Ausrufen, als seien es nicht sie selbst, sondern die Schatten irgendwelcher Lumpenproletarier aus den zwanziger Jahren, und all' das tun sie, weil sie sich, durch den neulichen Tod ihres großen östlichen Führers, Michael Kühnen, kopflos geworden, unsicher fühlen. Unklare Bezeugungen mischen sich in den geschorenen Köpfen und den vom Biersaufen getrübten Augen dieser zu früh zu Männern gewordenen Burschen. Kühnen hatte im Jahre 1990 den »Arbeitsplan für den Osten« zusammengestellt (darüber haben sie schon etwas gehört), war Redakteur der »Neuen Front« und der »Neuen SA« gewesen (einige Nummern haben sie gesehen), 1977 wurde er aufgrund seiner neonazistischen Tätigkeit aus der Bundeswehr herausgeschmissen (das glauben sie nicht), in den östlichen Spelunken diskutierte er mit hartherzigen Stalinisten über die Nation und den Sozialismus (das hatte ihm die Polizei angehängt). Jetzt skandieren sie Lutz Kronberger und denken dabei immer noch an Michael Kühnen. Unser Held weiß das, so daß er seine Rede oft mit »Amen« und »Ewig sei sein Andenken« unberbricht, während ihm die letzte Photographie des erkrankten Kühnen, der im Krankenbett liegt, mit Blasen und eitrigen Wunden übersät und durch die Letalphase der AIDS-Krankheit erniedrigt, einen faulen Geruch im Mund aufsteigen läßt. Er spricht immer noch über Kühnen, denkt aber schon an viele andere seiner Nachfolger: Erich Mielke, Heinz Reiß, Nero genannt, den Österreicher Gottfried Kissel, den Kühnen in seiner Todesstunde zu seinem Nachfolger ernannte, Christian Worch, Friedhelm Busse, Franz Schönhuber... Die hungrigen Hunde, denkt er in dem Augenblick, sie haben den Blutgeruch gespürt. Und die Menge singt: »Wir sind das Heer vom Hakenkreuz...«.

VATERTAG

Sechszehn Monate später weiß Lutz Kronberger, daß die hungrigen Hunde das blutige Messer abgeschleckt haben. Der ehemalige Kürschner, Meister für Muffe aus weißen Polarfuchsfellen, organisiert mit seiner Gruppe »Jungsturm« die Verteilung von Flugblättern, Prostestdemonstrationen, nächtliche Orgien unter den Fenstern der Greenpeace-Aktivisten, Unruhen, Ausländerverfolgung und Judeneinschüchterung. Er fällt in das den Opfern des Konzlagers Sachsenhausen gewidmete Museum ein und demoliert es. Für die besorgte Presse, die sich, so scheint es, dem Begräbniszug der machtlosen Demokratie anschließt, erklärte ein geschorener Kopf (vielleicht Kronbergers), sie seien in diesem Jahr noch nicht bis Auschwitz gekommen, aber sie würden im nächsten Jahr auch dieses Denkmal der rituellen zionistischen Selbstverbrennung, für die die Deutschen beschuldigt werden, sicherlich zerstören. In Magdeburg sieht man ihn am Vatertag Parolen gegen die »Zecken der Linken« ausrufen. In König-Westerhausen marschiert er an der Spitze der Kolonne mit stolz erhobenem Arm, der einem Blitzableiter ähnlich, zu einem neuen Sturm und Drang aufruft. In Rostock schlug man ihn im Dunkeln der Seitenstraßen mit Stahlstäben beinahe zu Tode. Die danach folgende Lebensperiode Lutz Kronbergers ist sehr schwer zu rekonstruieren. Da ebenso wirklich wie unwirklich, lebt unser Held am Rande des Lebens und der literaren Gerührtheit, zu der nur ungeschickte Erzähler neigen. Nach der teuflischen Prügelei in Rostock, hiter der die begründete Wut unsichtbarer Asylanten stand, erholt sich Kronberger an der Küste des Baltischen Meeres. Regungslos betrachtet er den grauen Meeresspiegel dieses dichten marmornen Wassers. Fast glaubt er nicht an den früheren Lutz Kronberger, der einen dunkelblauen gestreiften Anzug trug und eine Doppelportion Eisbein mit Sauerkraut für 12 Ostmark aß. Im Nebel unklarer Schlußfolgerungen, sich als einen verläßlichen Zeugen und gerechten Kläger auffassend, bedient er sich bei der Auslegung seiner Lebensbeschreibung wie ein richtiger dionysischer Dichter der Schicksalskraft, der Netze der Erbschuld, die von Generation zu Generation übertragen wird, sowie der magisch-astralen Rituale. Hier, an den Ufern des kühlen Meeres, einen Augenblick von dem Getümmel der Stadtmärkte und Nachtklubs entfernt, legt er den Grundstein für sein einziges Werk, das vorbestimmt war, eine Kapitalwerk zu sein. »Kampf für das Meine« war als eine spezifische Fortsetzung des »Mein Kampf« von Adolf Hitler gedacht, als seine poetische Ausarbeitung, Apologetik und Aktualisierung. In dem Moment nimmt er sich den zweiten Teil von Goethes Faust zum Vorbild und danach auch die unklare Verdoppelung vieler tragischen Helden von Schiller, die sich ihm, daran sollte man fast nicht zweifeln, zu einem Idealprofil vermischen. Aus der Literatur, die er erst neulich gelesen hat, blitzt hie und da ein Vers von Heine oder Hölderlin auf. So entsteht der »Kampf für das Meine«, und der Leser soll nicht einmal daran zweifeln, daß auch dieses neue Werk, genauso wie das alte, mit einem Dankschreiben an die Helden beginnt. Auf der ersten Seite eines gewöhnlichen Heftes zeichnet Kronberger mit der Hand auf: »Am 9. November 1993 gewannen die treuesten Söhne des erwachten Deutschlands für wenige Stunden die Macht über die Stadt Solingen. Im treuen Glauben an die Wiederauferstehung ihres Volkes herrschten gerecht die folgenden Männer: Faust, Martin, Beamter (geboren 1967); Neubauer, Kurt, Friseur (1964); Körner, Oskar, arbeitslos (1971); Kuhn, Karl, Oberkellner (1959); Alfarth, Felix, Hutmacher (1966); Pape, Claus, arbeitslos (1973) und Richter, Max, Schüler (1975).« Doch möge diese Geschichte nicht in der Aussagenfolge »in omnibus caritas«, sondern in einer, die einen Chroniker viel mehr verpflichtet – »in omnibus veritas« zu Ende erzählt werden. Im Augenblick, in dem die obige Liste ihren Weg zum weißen und immer teilnehmerischen Papier findet, bringen Hamburger Blätter nach der Folge der geheimisvollen Ausgleichungen der historischen Zeiträume in kommunizierenden Gefäßen, die Worte eines gewissen Ignaz Bubis, des Präsidenten der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland. »Das Gespenst des Nazismus ist wieder unter den Deutschen«, ruft der zu Tode erschreckte Bubis.

DER GEBRANDMARKTE UND DIE GEBRANDMARKTE

Die folgenden Listen, mit zitternden Händen von Verrätern und überzeugten Denunzianten geliefert, Aufstellungen, die in nervöser Eile von Polizeispähern, die unter dem Arm stinken und Karies an den Zähnen haben, aufgezeichnet wurden, werden dem Leser an dieser Stelle unnötig erscheinen. Sie werden aber trotzdem angeführt, vielleicht deshalb, um den Positivisten schon seit Langem bekannten Einfluß des Zeitgeistes, jenes Zeitgeistes, auf dem auch der Kahn dieser Geschichte schwimmt, zu bestätigen. Seit 1994 kreisen nämlich in Deutschland geheime, oder wie sie manche, ohne davor zurückzuscheuen, nennen, schwarze Listen der Unerwünschten, von Neonazisten zusammengestellt. Obwohl es ganz gewöhnliche Verzeichnisse sind, meistens Namensangaben derer, über die ein Urteil ausgesprochen wurde, mischen sich in diesen unerfreulichen Dokumenten, in einer eigenartigen Weise, Gebete und Schwüre, Romantisches und Sentimentales, Blut und Seufzer. Am Anfang einer solchen Schrift, die wir in der Hand halten, lesen wir, daß es »den jungen und mutigen Idealisten, die gegen den anwachsenden Terror von Links kämpfen, an entsprechenden Informationen fehle und ihnen deshalb Angaben über die Angeklagten, deren Schuld bewiesen ist, angeboten würden: Alexander Humbodt, Maler, weil er den Hyperrealismus vernachlässigte und verräterische Vorlesungen gegen dieselbe Richtung hielt; Heinrich Kleist, Pseudoschriftsteller, weil er wertlose Pasquille über das Leben ausländischer Arbeiter in Deutschland drucken läßt; Franz Werfel, Aktivist, weil er industrielle Gebiete, in denen der für Deutschland notwendige Stahl hergestellt wird, mit Grünanlagen austatten möchte; Stephan Andres, Automechaniker, weil er ein schlechter Handwerker ist, und seinetwegen mehrere Automobile gerade dann kaputtgegangen sind, als sie die Jungs am meisten brauchten; Helmut Baierl, Beamter, weil er ein Schwächling ist und zur Rührung neigt, so daß er den Verunstalteten in den Münchener Straßen regelmäßig Almosen gibt; Heinz Meyer, Student, weil er aus Verachtung das Eiserne Kreuz an der Hintertasche seiner Levis-Jeans angenäht trägt...« Es ist nicht bewiesen, ob der Unterzeichnete socher Listen gerade Lutz Kronberger war, doch der Chroniker, mit dessen Neigung zur Aufzählung, die er sich an der Küste des Baltikus aneignete, vertraut, vermutet dies mit Recht. Ähnlich dachte wahrscheinlich auch die deutsche Polizei, als sie am Morgen des 9. Dezember desselben Jahres 1994 in einer Mietwohnung in der Firedrichstraße 63 in Mannheim, einen gewissen Lutz Kronberger, ehemaligen Kürschner und nun ohne feste Anstellung, auffand und verhaftete. Im Untersuchungsgefängnis belastet ihn die Anklageschrift auch wegen eines schändlichen Verbrechens, das sich in dieser Stadt einen Tag davor abgespielt hatte, als Gewalttäter dem unglücklichen siebzenjährigen Mädchen Elke J. ein Hakenkreuz in die Stirn einritzten. Dieses präzedenzlose Verbrechen, den nazistischen Haßausbrüchen so ähnlich, wird der Seele und dem Gewissen des Häflings Kronberger zu Lasten gelegt.

DIE FESTUNG LANDSBERG

Das Phänomen der Doppelgänger, der siamesischen Zwillinge, der Betrüger und der Selbsternannten, in den europäischen Literaturgeschichten so bekannt und beliebt, könnte an dieser Stelle durch den Fall des Häftlings Kronberger ergänzt werden. Kraft des Urteils des Sechsten Strafrates des Landgerichtes in Mannheim, bei dem der ehrenvolle Wolfgang Müller präsidierte, wird der Verdächtigte Kronberger zu 15 Monaten strenger Haftstrafe verurteilt und unverzüglich in die Strafanstalt Stanheim verwiesen. Erniedrigt, in einer kleinen Zelle mit einem verschmutzten Abort in der Ecke, mit engen Fluren und hohen, unerreichbaren Fenstern mit dem Blick auf Stacheldrähte und Beobachtungstürme, fährt der Verurteilte, anfangs weit von den Augen der Öffentlichkeit entfernt, mit dem Schreiben seines einzigen Werkes, der Apotheosis »Kampf für das Meine« fort. Nicht lange danach, begannen einige Zeitungen ein Feuilleton über einen neuen Führer zu veröffentlichen. Es stellt sich heraus, daß der Lumpenproletarier Kronberger in den gleichen Jahren ist, wie Hitler als er im Jahre 1924 kraft der Urteilsentscheidung des Münchener Gerichtes in die Festung Landsberg eingewiesen wurde, daß ihre Strafen gleich lang sind und die Gerichtsbegründungen beinahe gleich. Ein nicht im geringsten verläßlicher Zeuge, Autor von schwarzen und bizarren Chroniken, ein sogenannter freier Journalist, der seine sensationellen Artikel vielen Boulevardblättern anbietet, ernährt sich in der Zeit ausschließlich durch den Fall Lutz Kronberger. Bei viel Lügerei über die kommunistische Vorgeschichte des Verurteilten, erklärt er das Phänomen des neuen Doppelgängers, nur scheinbar naiv, mit Hilfe der Theorie der Sanduhr und ihres engen Halses, durch den unaufhaltsam der bittere Satz des nazistischen Narzismus und der germanischen Nostalgie fließt. »Von einer schändlichen Niederlage vernichtet, mit dem schwarzen Wasser des Flusses Acheron vor die Tür der Hölle selbst heruntergespült«, schreibt dieser bewährte Skandalmeister, »fand das Dritte Reich endlich einen Auserwählten für das Vierte Reich«. Wir müssen wirklich nicht dieser unechten Mythologie eines unechten Chronikers für eine unecht ernste Zeitung glauben, aber Teile des »Kampfes für das Meine«, die dieser geschickte Intrigant durch Bestechung einiger Gefängniswärter erwarb, haben die Öffentlichkeit ernsthaft beunruhigt. Hier schreibt Lutz Kronberger alias Adolf Hitler im Kapitel »Neuer Zyklon B«: »Deutschland ist heute eine Quelle kranker Gewässer, ein Land, auf dem die Grundlagen eines neuen Turmes von Babylon, mittels Infamie, Verleumdungen und schamloser Betrüge gebaut, gesetzt wurden. Die zerstückelte Geschichte wurde uns wie ein Joch aufgebürdet, die Söhne unseres Volkes müssen für die ausgedachte Schuld bluten, die unser unverschmerzter Führer, wie Christus der Erlöser (von Lutz Kronberger selber unterstrichen), auf sich genommen hat.

Aber nein, wahrhaftiger Gott, und nochmals nein, wir sind nicht besiegt worden! Deutschland ist ein Phönix, es wird aus der Asche der falschen Opfer emporsteigen und das jetzige Getue der internationalen parlamentarischen Gänseriche und balzenden Auerhähne des Westens verhindern. Der Jude ist auf dem Wege, die Völker dieser Welt zu besiegen, sein Totentanz über der Menschheit hat, siehe da, schon angefangen, doch die Erde wird nicht wieder, wie vor vielen Millionen Jahren, menschenleer durch den Äther schweben. Der Jude ist ein plastischer Dämon des Untergangs, ein Beschnittener der Geschichte, aber wir haben Blut. Steh' auf, Deutschland! Ein schreckliches Ende ist besser als ein Schrecken ohne Ende.« Als diese schändlichen Abschnitte, von Rassenhaß geprägt, auch der in großer Auflage erscheinende Spiegel brachte, waren die Zeitungsrubriken, die Leserbriefe veröffentlichen, von Protesten einfach übersäht. In einem rechtsorientierten Journal, das niemals zu den neonazistischen gezählt wurde, explodierte eine Briefbombe. Ein Berliner Psychologe mit einem angesehenen und langen Namen, verglich Kronbergers Abschnitte mit einem entblößten und wunderschönen Mädchen, von dem wir wissen, daß es von einem bösartigen Virus infiziert ist, doch seine Worte fanden keinen Widerhall. Kleinbürger mit unterdrückter Sexualität trachteten gespannt nach einem Führer, würde W.R. sagen, während die Öffentlichkeit neue Doppelgänger fand und mit einem gemischten Gefühl von Ungeduld und Furcht, den neunten Mai Neunzehnhundertsechsundneunzig erwartete, wenn, kraft unklarer Koinzidenzen und einer kalten administrativen Numerik, gerade am Tag des Sieges über den Faschismus, die Strafe des Verurteilten Kronberger ablaufen sollte.

DER SCHLAG

Dieses schändliche Spiel mit dem Verurteilten, der zeit seines Medienaufstiegs harnäckig schwieg, wurde von seiner Krankheit unterbrochen, die in der Heilkunde unter der griechischen Bezeichnung Apoplexie bekannt ist und im Volke verschiedenartig genannt wird. »Apoplexie«, so steht in neurologischen und neurchirurgischen Enzyklopädien, »entsteht plötzlich oder allmählich aufgrund der Verstopfung von Blutgefäßen durch ein Blutgerinnsel. Der Erkrankte hat unausstehliche Schmerzen im Kopf, weist eine charakteristische Gesichtsröte auf, wonach Funktionsstörungen im motorischen und sensitiven Bereich eintreten. Muskellähmung, Orientierungs- und Gedächtnisverlust, Ohnmacht und Zungenbrechen begleiten fast in der Regel die apoplexischen Zustände. Die häufigste Folge dieses Schlags auf das Gehirnsystem ist die Hemiplägie, Lähmung einer Körperhälfte.« Die Apoplexie, oder Gehirnschlag, Schlag, Schlaganfall – fand ein geringes Interesse bei all denen, die nach einem neuen Führer trachteten. Lutz Kronberger war allzusehr satanisiert worden, als daß man ihn bemitleiden könnte, so daß ihm die Menge, die das Recht auf eine korrekte Entscheidung eifersüchtig für sich bewahrt, mit Erleichterung den Rücken wandte. Jener freie Journalist aus Mannheim, mit dessen Feuilettons und geschmuggelten Abschnitten des Buches »Kampf für das Meine«, das ganze Spiel um Lutz Kronberger begonnen hatte, bemühte sich noch einige Zeit, die gestolperte Legende rätselhaft zu machen. Er behauptete nämlich, daß sich der Häftling Kronberger mit der Rolle eines Invaliden abgefunden hätte, daß er mit der linken Hand neue Fortsetzungen der Enzyklopädie der Dämonie tippe, sich nun mit Hitlers Vater identifizierte, der ebenfalls Opfer eines Gehirnschlags gewesen war, daß er auch so verwundet, seine Mission nicht vergessen habe, daß es ihm als einziges schwerfälle, daß er nie wieder seine rechte Hand zum Gruß würde heben können, daß... Doch, alles um sonst. Der freie Journalist aus Mannheim schminkte hartnäckig einen Toten, so daß er sich bald auch selbst neuen Intrigen zuwandte.

SCHWARZE HEMDEN

Der ehemalige Funktionär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, der das rote Abzeichen mit den flatternden Fahnen des Oktobers im Revers seines dunkelblauen gestreiften Anzugs trug, überlebte den zweiten Schlaganfall nicht. Die Gefängniswärter fanden den vornübergebeugten Körper des Häftlings Kronberger nur drei Wochen bevor er freigelassen werden sollte. Sein Gesicht hatten die Gehirnschläge in der Mitte durchschnitten, so daß eine Hälfte lächelte und die andere ernst war, wie auf jenen Theatermasken, die Komödie und Tragödie darstellen sollen. Zwei Tage später wurde er in einem Metallsarg bestattet, mit dem ihn die Strafanstalt Stanheim post mortem beschenkte. Viele seine Mitkämpfer zogen schwarze Hemden an, wobei diese bei einem Trauermarsch zum ersten Mal nicht unangemessen wirkten.

Paris – Beograd, 1996

(Üebersetzung Maja Anastasijević)